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Lebenswille im Kampf ums Überleben

Theater: "Lebenswille" Lebenswille im Kampf ums Überleben

Syrien - ein ganzes Land liegt symbolisch als Patientin darnieder. Gefesselt ans Krankenbett, von grausamen Machthabern unterdrückt, von verzweifelten Freiheitskämpfern umsorgt.

Cölbe. Der Überlebenswille eines Volkes gegen die über 40 Jahre andauernde Unterdrückung durch ein totalitäres System, davon handelt die Geschichte „Lebenswille“. Am Samstag feierte das Stück in der evangelischen Kirche in Cölbe Premiere.

Bereits die erste, knallharte Szene versetzt das Publikum direkt in das Thema: Ein fügsamer Nachrichtensprecher berichtet von der Geschichte eines Landes und seinen 14 Provinzen. Über eine demokratische Republik mit einer hingebungsvollen Präsidentenfamilie, die sich um das Volk kümmert, und dem sie quasi als Geschenk die Diktatur brachte. Das Volk besteht - nein, es bestand einmal aus 22,5 Millionen Menschen, fällt dem Moderator auf. Erst nachdem ein bewaffneter Mann den Raum verlässt, wird er deutlicher, spricht von Gräueltaten, Knechtschaft und Unterdrückung. Millionen Syrer sind innerhalb und außerhalb des Landes auf der Flucht. „Dieses Regime hat unser Land, unser Volk verraten.“ Der Bewaffnete kehrt zurück und erschießt den Journalisten.

Weitere Nachrichtensprecher aus Syrien, Deutschland und Frankreich berichten der Welt über den Bürgerkrieg, die Flüchtlinge und die europäischen Ängste. „Ist es nicht an der Zeit, die Banner mit der Aufschrift ‚In Frieden leben‘ zu erheben?“, fragt der syrische Nachrichtensprecher. Die Rebellion folgt auf dem Fuße: Im eisernen Krankenbett, gefesselt und voller Wunden, liegt die schreiende Syriana, gespielt von Camilla Schütt. Mit Inbrunst ruft sie nach Befreiung, nach Hoffnung, nach Aufstand. Symbolisch als erbarmungsloser Arzt lässt Machthaber Assad, gespielt von Autor Khaldoun Alhaj Khalaf, sie nicht gehen, führt seit Jahrzehnten grausame Experimente an der Patientin durch.

Um sie kümmert sich die anfangs noch folgsame, verängstigte Krankenschwester, gespielt von Nadja Mutaafi. Umsonst fleht sie, die nicht wirklich kranke Patientin zu befreien, die mit Medikamenten und Fesseln zur Tatenlosigkeit verdammt wird. Bis die Pflegerin eines Tages aufbegehrt und das geschwächte Land befreit. Es folgt ein brutaler Kampf zwischen Rebellin und Machthaber, an dessen Ende beide zu Boden sinken. Aus dem Chaos hervor tritt die befreite Syriana, die mit letzter Kraft hoffnungsvoll in die Runde fragt, ob der Frieden, von dem sie seit 40 Jahren träumt, nun endlich Wirklichkeit werden kann. Die Frage bleibt im dunklen Raum stehen.

Mit anhaltendem Applaus honorierte ein sichtlich beeindrucktes Publikum die Aufführung. Das kritisch-satirische Stück von Khalaf soll die Situation im gebeutelten Land darstellen, die Zuschauer zum Nachdenken anregen. Im Vordergrund steht: In Syrien gibt es noch Menschen, die einen starken Willen haben, ihrem Volk Frieden zurückzubringen - Lebenswille.

Unterstützt wird die Produktion vom freien Theater Gegenstand. Den Inhalt hat der Autor teils selbst erlebt. Er schrieb kritische Theaterstücke. Zweimal wurde er verhaftet und von Rebellen befreit. 2014 musste er endgültig fliehen, lebt seit acht Monaten in Cölbe. „Ich möchte zeigen, was in Syrien passiert, in einem Land, das den Frieden verloren hat. Gemeinsam müssen wir daran arbeiten, diesen wiederzufinden“, sagt Khalaf.

Aufgeführt wird das Stück am 22. April ab 20 Uhr in der Marburger Waldorfschule, am 3. und 4. Mai ab 20 Uhr in der Waggonhalle. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten.

von Ina Tannert

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