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Laut, beklemmend und ehrlich

Samsas Traum Laut, beklemmend und ehrlich

„Wir sehen uns außerstande, euch beim diesjährigen Weihnachtskonzert zu bespaßen“, hieß es Anfang Dezember vom Frontmann der Band „Samsas Traum“.

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Kein Weihnachtskonzert, keine Gemütlichkeit mit Alexander Kaschte, „Mr. Samsa“.

Quelle: Suria Reiche

Marburg. Es ist düster am Samstagabend im KFZ in Marburg, Nebel legt sich über die kleine Bühne, blaues Licht taucht den Saal in eine gespenstische Atmosphäre. Dann tut sich etwas. Dann tritt „Mr. Samsa“ ins Zwielicht.

170 Besucher sind zum Konzet von „Samsas Traum“ gekommen. Die Farbe des Abends: schwarz. Düster, so wie die Stimmung, die von dem eingesetzten Nebel und dem Spiel mit dem Licht ausgeht. Und so düster, wie das, worum es in der ersten Hälfte des Konzerts am Samstagabend geht: „Wir ziehen es vor, das Jahr 2015 laut und mit dem Finger in der Wunde ausklingen zu lassen“, heißt es von Frontmann Alexander Kaschte.

Für die 170 Fans in Schwarz bedeutet das, dass sie am Samstagabend die erste und vorerst einzige Darbietung des neuen Albums „Poesie: Friedrichs Geschichte“ in voller Länge zu sehen und hören bekommen. „Besinnlichkeit wäre deplatziert, der Frieden geheuchelt“, das ist die Meinung der Band.

Statt des eigentlich geplanten dritten Akustik-Weihnachtskonzerts gibt es am Samstag also nur ein gekürztes Akustik-Programm sowie die „obligatorische Best-Of-Show“. Den Rest des Abends füllt die Darbietung des aktuellen Albums der Band.

Und hier von Besinnlichkeit und Weihnachtsstimmung zu reden, wäre tatsächlich gelogen. Die passenderen Worte wären wohl beklemmend, laut und ehrlich. Statt Gothic und Dark Metal gibt es Sprechgesang gepaart mit Rocksymphonien und einem schwer verdaulichen Thema: Euthanasie in Zeiten des Nationalsozialismus.

Lieder über Euthanasie auf dem „Poesie“-Album

Die Band setzt sich mit der grausamen deutschen Historie auseinander. Damit, dass in der NS-Tötungsanstalt in Hadamar vorwiegend behinderte Menschen vergiftet oder vergast wurden. Ein Thema, das zur deutschen Geschichte gehört. Aber auch ein Thema, von dem wir nicht unbedingt wollen, dass es in unserem Abendprogramm Einzug hält. Vor allem nicht auf einem Konzert.

Dennoch: „Nachdem wir die zukünftige Stoßrichtung von Samsas Traum festgelegt haben, unser Kollegen- und Freundeskreis während unserer Tour von gravierenden Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, Europa langsam aber sicher durchdreht und sich Deutschland wieder an einem Krieg beteiligt“ sieht sich die Band außerstande, ihre Fans mit akustischer Musik zu bespaßen.

Stattdessen will „Samsas Traum“ seinem Publikum in Zeiten, in denen Menschen, die von woanders stammen, befeindet werden, einen Spiegel vorhalten.

An Mut hat es der Band rund um den Marburger Alexander Kaschte noch nie gemangelt. Denn das ist es, was man wohl braucht, um mit einem Thema wie diesem ein ganzes Album zu füllen.

Aber bei den Fans kommt’s an. Wahrscheinlich genau aus diesem Grund. Weil sie von „Samsas Traum“ nichts anderes gewohnt sind, nichts „Normales“. Kaschtes Darbietung am Samstagabend ist hochemotional. Bei den meisten Liedern hat er ein schmerzhaft verzerrten Gesichtsausdruck.

Am Sonntagmorgen wird Kaschte dann auf Facebook posten: „Vielen Dank für das außergewöhnliche Weihnachtskonzert und die grandiose Stimmung - für uns war die gestrige Show der wahre Abschluss unserer ,Poesie“-Tour.“

von Suria Reiche

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