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„Lasst Euch nicht verdummen“

"Musicians Break The Silence" „Lasst Euch nicht verdummen“

Das Projekt „Musicians Break The Silence“ hat offenbar einen Nerv getroffen: Rund 400 Besucher im Kirchhainer Bürgerhaus hörten am Samstag feine Kammermusik, dramatischen Tango, politisch engagierte Chormusik und beseelten Jazzrock.

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Die Band Softeis mit Gerhard Eismann (links) und ­Werner Eismann.

Quelle: Thorsten Richter

Kirchhain. Während die Abendnachrichten bestimmt waren von Meldungen über rassistische E-Mails von AfD-Frau Alice Weidel, über todbringende Karibik-Wirbelstürme und Recep Tayyip Erdogans Order an seine türkischen Landsleute, keine Wahlveranstaltungen in Deutschland zu besuchen, moderierten der Marburger Friedens- und Konfliktforscher Dr. Johannes M. Becker und Hartmut Lange in Kirchhain auch ­eine Art Wahlveranstaltung – eine, die gänzlich ohne Partei­kürzel auskommen und eine leicht verständliche Botschaft vermitteln sollte: den Appell an Toleranz, an Vielfalt, an zwischenmenschlichen Respekt.

Das Projekt „Musicians Break The Silence“ hat offenbar einen Nerv getroffen: Rund 400 Besucher im Kirchhainer Bürgerhaus hörten am Samstag feine Kammermusik, dramatischen Tango, politisch engagierte Chormusik und beseelten Jazzrock.

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Was auf den ersten Blick so ein wenig wie ein Kessel Buntes wirkte, fügte sich logisch und ohne Brüche im Verlauf eines langen Konzertabends. Der wurde eröffnet vom Marburger Chor „Politöne“, der seit Jahrzehnten – aus der Gewerkschaftsbewegung hervorgegangen – vielstimmig ­Missstände benennt wie das Wettrüsten der Pershing-Cruise-Missile-Ära, die Risiken der Kernenergie oder aktuell die hässliche Fratze der Pegida-Bewegung. Chorleiter Gerd Schiebl hatte nach dem Auftritt der „Politöne“ nur wenig Zeit zum Durchatmen, denn auch mit dem Trio „String Tango“ saß der Lehrer der Marburger Emil-von-Behring-Schule wieder auf der Bühne.

Musik aus „Schindlers Liste“

Dem Tango hat sich das Ensemble verschrieben, Interpretationen von Piazzolla-Kompositionen sowie Arrangements des Pianisten Justus Noll boten das erste virtuose Highlight des Abends. Noll, Schiebl und die Geigerin Diana Metzing machten dem Marburger Kammerorchester Platz, während im Saal zusätzliche Stühle gestellt wurden, um den Publikumszuspruch zu bewältigen. Dirigentin Karin Hendel und ihr Orchester gingen konzentriert zur Sache, und es erwies sich als kluge Wahl, Filmmusiken wie John Williams’ Soundtrack aus „Schindlers Liste“ auf die Pulte zu legen.

Es ist wohl kaum übertrieben, den Mardorfer Rockbassisten Werner Eismann als Motor dieses ungewöhnlichen Konzertprojekts zu bezeichnen. Wochenlang hatte er mit seinem Zwillingsbruder Gerhard, den übrigen Bandmitgliedern der lokalen Rocklegende „Softeis“, dem befreundeten Jazzgitarristen Michael Sagmeister und der Sängerin Antonella D’Orio ­„Musicians Break The Silence“ vorangetrieben – und dafür gesorgt, dass der Landkreis, die Universitätsstadt Marburg und die Stadt Kirchhain den Abend unterstützten. Ergo lag nahe, dass das Finale des Abends eher für die Fans der lauteren Töne gedacht war.

„Erhebt eure Stimme“

Schon bei der Marburger „Nacht der Kunst“ hatten sich die „Eismänner“ und Sagmeister vor ein paar Wochen ein wenig warmgejammt. Doch jetzt galt es, den Hardrockfans schlüssig zu beweisen, dass ein Jazzer von Format auch Deep-Purple-Riffs raushauen kann und gleichzeitig die langmähnigen Hardrocker aus Mardorf dem flinken Fusionflitzer Sagmeister den Boden bereiten können für dessen Turboläufe über den Hals seines Instruments. Das Experiment gelang ohne Einschränkungen, ebenso wie „Softeis“-Röhre Ronnie Moucka mit Antonella D’Orio stimmlich bestens harmonierte – ganz gleich, ob sie sich die Jahrhundert­ballade „Child in Time“ oder „Mother’s Finests“ Funkkracher „Baby Love“ vornahmen.

Was bleibt vom Abend in Kirchhain? Einfache, wichtige Botschaften, die in dem eigens für das Konzert komponierten Song „Break The Silence“ stecken: „Lasst euch nicht verdummen, schaltet euer Gehirn ein, erhebt eure Stimme, wenn ihr das Gefühl habt, dass etwas falsch läuft, übt euch in Toleranz und respektiert die Menschen, die euch umgeben.“ Muss wohl mal so deutlich gesagt werden.

von Carsten Beckmann

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