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„Landschaften der Heimatlosigkeit“

Herta Müller liest „Landschaften der Heimatlosigkeit“

Hoher Besuch in der Alten Aula: Am Donnerstag, 27. November, liest dort ab 20 Uhr die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

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Gut gelaunt präsentierte sich Herta Müller im Oktober auf dem blauen Sofa der Buchmesse in Frankfurt.

Quelle: Foto: Arno Burgi

Marburg. Frauen lesen mehr als Männer. Das belegen viele Statistiken. Und viele Frauen schreiben. Bis zum Nobelpreiskomitee ist dies allerdings noch nicht wirklich vorgedrungen. Schaut man sich die Liste der Literaturnobelpreisträger an, scheint das Schreiben, zumindest das preiswürdige, eine reine Männerdomäne zu sein. 111 Literaturnobelpreisträger gibt es seit 1901. Nur 13 davon sind Frauen.

2009 hat Herta Müller den Literaturnobelpreis erhalten. Auch damals wurden im Vorfeld Wetten auf Männer abgeschlossen. Auch sie selbst hatte sich damals keine großen Chancen ausgerechnet. „Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen“, sagte Müller als sie von der Vergabe erfahren hatte.

Herta Müller zeichne durch „Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“, begründete die Schwedische Akademie ihre Entscheidung. Heimatlosigkeit ist eines ihrer zentralen Themen in ihrer Prosa, in ihren Gedichten und in ihren Essays.

Flucht vor Geheimdienst

Der Grund liegt in ihrer Biografie. Herta Müller wurde 1957 in Nitzkydorf im rumänischen Banat geboren. 1987 kam sie nach Deutschland, freigekauft von der Bundesrepublik und durch Schmiergelder, die von Freunden und Verwandten aufgebracht wurde. Das sagte der Marburger Literaturwissenschaftler Professor Wilhelm Solms 2009 der OP.

Solms hatte Herta Müller bereits 1988 erstmals nach Marburg eingeladen: Im Studium Generale sprach sie zum Thema zum Thema „Dichtung und Heimat“. Herta Müller hatte Rumänien nicht gerne verlassen. Der rumänische Geheimdienst Securitate verfolgte sie, weil sie es abgelehnt hatte, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Sie verlor ihre Arbeit und willigte schließlich ein, nach Deutschland zu gehen. Heimatgefühle stellten sich bei der Rumäniendeutschen aber nicht ein. Sie wurde erst als Deutsche anerkannt, als sie den Behörden den SS-Ausweis ihres Vaters vorgelegt hatte.

Rumänische Sozialisation

Herta Müller hat neben der Freundschaft zu Wilhelm Solms noch weitere Beziehungen zu Marburg: 1989 war sie wieder in Marburg. Der Dramaturg Harry Merkle inszenierte mit der Marburger Theaterwerkstatt (heute German Stage Service) eines ihrer Stücke. Seither ist sie mit Merkle, der in Marburg im Fach Neuere Deutsche Literatur promovierte, liiert. In ihren Werken thematisiert sie immer wieder die Folgen der kommunistischen Diktatur Nicolae Ceaucescus bis hinein ins Privatleben der Menschen.

Zwar ist Herta Müller mit dem Deutsch der Banater Schwaben aufgewachsen, die die Region Ende des 18. Jahrhunderts besiedelten, doch denkt sie noch immer meist in Rumänisch, sagte sie im Herbst bei der Buchmesse in Frankfurt. „Weil ich sozialisiert bin auf Rumänisch. Es ist mir oft gar nicht bewusst, dass ich mit diesem rumänischen Wortbild im Grunde genommen arbeite.“ Und gut gelaunt scherzte sie auf dem Blauen Sofa: Für sie sei Frankfurt die Stadt des Geldes und der Banken – „Furt heißt auf rumänisch Diebstahl. Darum sind die Banken hier.“

Müller liest aus vier Büchern

Schon seit 2009 habe es Überlegungen gegeben, Herta Müller nach Marburg einzuladen, sagte Manfred Paulsen vom Verein Kulturelle Aktion – Strömungen. „Jetzt hat es endlich geklappt und wir freuen uns sehr.“ Die Lesung in der Alten Aula wird gemeinsam veranstaltet vom Marburger Literaturforum, vom Verein Kulturelle Aktion Marburg – Strömungen und dem Fachdienst Kultur und der Philipps-Universität.

Lesen wird sie nach Angaben der Veranstalter aus vier Büchern: „Niederungen“ aus dem Jahr 1982, „Herztier“ aus dem Jahr 1994, „Atemschaukel“ aus dem Jahr 2009 und aus dem Lyrikband „Vater telefoniert mit den Fliegen“ von 2012. Neu erscheinen ist bei Hanser „Mein Vaterland war ein Apfelkern“. Darin erzählt sie von ihrer Kindheit in Rumänien, ihren frühen Begegnungen mit der Literatur und dem Deutschland der 80er und 90er Jahre.

  • Karten gibt es im Vorverkauf nur im Antiquariat Roter Stern, Am Grün.

von Uwe Badouin

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