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Landestheater startet mit Hitler-Farce

Bertolt Brechts 
„Arturo Ui“ Landestheater startet mit Hitler-Farce

Mit einer auch heute noch aktuellen politischen 
Farce startet das Hessische Landestheater in die neue Spielzeit. In seinem 
„Arturo Ui“ rechnete Brecht mit Hitler und Demagogen ab.

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Roman Pertl (links) und Sebastian Muskalla in einer Szene der Marburger Inszenierung von Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“.

Quelle: Jan Bosch

Marburg. Wer einen Blick auf die Internet-Homepage des Hessischen Landestheaters wirf, der sieht ein wütend verzerrtes Gesicht des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump. Darunter steht ein Zitat aus Brechts Arturo Ui: „Die Leute haben völlige Freiheit, mich zu wählen.“ Das stimmt: Auch Adolf Hitler wurde gewählt, aber man hätte ihn verhindern können. Vor der Machtübernahme, vor dem Einknicken Hindenburgs.

Hitlers Aufstieg ist Thema von Bertolt Brechts Polit-Farce „Der aufhaltsame Aufstieg des 
Arturo Ui“, mit dem das Hessische Landestheater am Samstag im Theater am Schwanhof in die neue Spielzeit startet. Ein Satz aus dem Epilog des Stückes ist unvergessen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

„Das Hessische Landestheater Marburg startet mit einem Stück in die neue Theatersaison, das zu einem Zeitpunkt, da faschistisches Denken in Deutschland und in Europa wieder eine Stimme hat, von der Verführbarkeit des Menschen erzählt“, teilt die Pressestelle des Landestheaters mit.

Intendant Matthias Faltz setzt mit der „großen historischen Gangsterschau“, so Brecht über sein Stück, die spannende Brecht-Reihe des Landestheaters fort. Brecht schrieb die satirische Parabel auf die Machtergreifung Hitlers 1941 im finnischen Exil. Seine Hoffnung, dass das Stück in den USA aufgeführt werden könnte, wohin er kurz darauf vor den Nazis floh, erfüllte sich nicht.

Prominente Demagogen unter falschen Namen

Dabei hatte er alles versucht, um die US-Amerikaner neugierig zu machen: Er verlagerte die Geschichte in das Gangstermilieu des Chicago der 30er-Jahre, machte aus Arturo Ui einen Mix aus Hitler und Al Capone.

Der Demagoge Joseph Goebbels, SA-Chef Ernst Röhm, Reichspräsident Paul von Hindenburg, der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der Reichskanzler Franz von Papen wurden, unter anderen Namen, zu Figuren in dem Stück – zu Gangstern oder Kapitalisten, die den Aufstieg des Obergangsters Arturo Ui ebneten. Vergeblich war auch die Unterstützung Erwin Piscators, der sich in New York um eine Übersetzung des in nur drei Wochen verfassten Stückes bemüht hatte.

Auch nach dem Krieg dauerte es lange, bis sich jemand an „Arturo Ui“ wagte: Erst 1958, zwei Jahre nach Brechts Tod, wurde die Parabel in Stuttgart uraufgeführt. „Arturo Ui“ scheiterte damals lange an der Frage: Darf man über Verbrecher wie Hitler oder Goebbels, die den Tod von Abermillionen Menschen verschuldeten, lachen?

Ja, meint Brecht. Man dürfe 
nicht nur, man müsse sogar über sie lachen, um den Bann zu brechen, in den Hitler die Menschen gezogen habe. Es geht also um die Entmystifizierung von Demagogen, indem man sie der Lächerlichkeit preisgibt.

Im Anschluss an die Premiere am Samstag sind alle Zuschauer zur Spielzeiteröffnungsparty 
eingeladen. Es spielt die Band „Depeche Mode Acoustic Experience“. Der Eintritt ist frei.

Am Montag beginnt Proust-Lesemarathon

Bereits am Montag , 5. September, startet das Hessische Landestheater ein weiteres, neues Projekt. Jeden Montag werden unterschiedliche Menschen ab 18 Uhr im Panoramasaal des Erwin-Piscator-Hauses Marcel 
Prousts Mammutwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ lesen. 36 Abende lang jeweils vier Stunden – das macht 144 Stunden und mehr als 4100 Seiten „Suche nach der verlorenen Zeit“.

Der Eintritt ist frei, Besucher können zwischen 18 und 22 Uhr kommen und gehen, wie sie wollen. Interessierte können sich an dem Lesemarathon beteiligen. Das Landestheater sucht noch Vorleser, „denn wir schaffen es nicht allein“: Wer 
etwas Erfahrung mit dem Vorlesen hat, kann sich per E-Mail unter folgender Adresse melden: 
 proust@theater-marburg.de.

  • „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ hat am Samstag, 3. September, um 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof Premiere. Weitere Aufführungen sind am 9., 14., 20. und 22. September.

von Uwe Badouin

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