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Landestheater startet Blinden-Projekt

Audiodeskription Landestheater startet Blinden-Projekt

Mit der turbulenten Slapstick-Komödie „Der ein­gebildete Kranke“ startete das Hessische Landestheater am Mittwoch ­erfolgreich ein ­neues ­Projekt: Live-Audio­deskription für Blinde 
und Sehbehinderte.

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Ziemlich schräge Typen: Daniel Sempf (von links), Stefan Piskorz, Jürgen Helmut Keuchel, Lene Dax, Karlheinz Schmitt und Insa Jebens stehen in Molières Komödie „Der eingebildete Kranke“ auf der Bühne des Hessischen Landestheaters.

Quelle: Killa Schuetze

Marburg. In Film und Fernsehen hat sich die Audiodeskrip­tion längst durchgesetzt. Darunter versteht man ein Verfahren, das Blinden und Sehbehinderten den Zugang zu visuellen Vorgängen im Bild erleichtern soll: Klar und einfach werden Szenerie, Kostüme und Bewegungen beschrieben, die sich nicht durch Dialoge erklären.

Nach und nach wird Audio­deskription auch an Theatern eingesetzt. Dort ist das Verfahren weit komplizierter, weil die Aufführungen stets live beschrieben werden müssen. In Marburg hat jetzt das Hessische Landestheater gemeinsam mit der Blista das Projekt gestartet – ausgerechnet mit einem Stück, das aufgrund des hohen Tempos, der vielen Slapstickeinlagen und kuriosen Regieeinfälle an den Sprecher, den Chefdramaturgen Franz Burkhard, größte Herausforderungen stellt. Gekonnt und einfühlsam führte Burkhard die sieben Blinden und Sehbehinderten im Publikum durch das Stück. Burkhard sitzt dabei im Regieraum, seine Stimme wird per Funk auf Kopfhörer übertragen, die die Blista bereitstellt.

„Ich habe ohne Skript gearbeitet und in den letzten 10 bis 20 Minuten gemerkt, dass die Konzentration etwas nachlässt“, sagte der Chefdramaturg. Thorsten Büchner ist blind und hat das Angebot genutzt. Der SPD-Stadtverordnete und Pressesprecher der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) sprach Burkhard nach der Aufführung ein Riesenlob aus: „ Es war eine beeindruckende Erfahrung. Ich konnte die Szenen gut nachvollziehen. Die Beschreibung von Kleinigkeiten, von Gesten und Bewegungen macht das Stück lebendiger.“ Sein Fazit: Die Live-Audio­deskription „macht den Gang für Blinde ins Theater auf jeden Fall leichter. Es ist ein Stück Unabhängigkeit“.

Audiodeskription ist eine „große Bereicherung“

Auch Isabella Brawata fand es „richtig toll“. Franz Burkhard habe die Situationskomik gut transportiert: „Man hat gemerkt, dass er selber Spaß daran hatte.“ Gudrun Runge geht als Blinde sehr gerne ins Theater. Sie lebe seit drei Jahren in Marburg, es sei in Marburg jedoch ihr erster Theaterbesuch gewesen. „Die Audiodeskription war eine große Bereicherung, ohne sie hätte man das Stück als Blinder wohl nicht verstanden.“

Burkhard ist vorerst der einzige Sprecher des Landestheaters, der sich aufgrund seiner Erfahrung und Ausbildung die Audiodeskription zutraut. Er erklärte, dass das Hessische Landestheater zwei Aufführungen mit Live-Audiodeskription pro Monat plane. Neben dem „eingebildeten Kranken“ ist auch Bertolt Brechts Polit-Farce „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ vorgesehen. Vorstellbar ist auch, dass Shakespeares große Tragödie „Romeo und Julia“, die am 25. Februar in einer Inszenierung von Intendant Matthias Faltz im Erwin-Piscator-Haus Premiere hat, in das Programm aufgenommen wird. Dies wurde zumindest bei der Vorstellung des Projekts im Dezember nicht ausgeschlossen.

Wie das Angebot Live-Audiodeskription von Blinden und Sehbehinderten angenommen wird, wird die Zukunft zeigen. An der Carl-Strehl-Schule werden derzeit knapp 300 sehbehinderte Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Insgesamt leben in Marburg rund 800 Blinde und Sehbehinderte, denen mit dem Projekt der Zugang zum Theater deutlich erleichtert wird.

Einige kleine Anfangsschwierigkeiten sind allerdings noch zu beheben: So war auch in Phasen ohne Text oft der Atem des Sprechers zu hören. Da arbeite man an einer Lösung, sagte Burkhard. Und hat man beide Kopfhörer im Ohr sind die Schauspieler weniger gut zu verstehen. Büchners Rat: Man sollte nur einen Kopfhörer nutzen.

Am Mittwoch gab es noch eine weitere Überraschung für das Publikum, darunter viele Schüler: Jürgen Helmut Keuchel, der gleich zwei Rollen in dem Stück spielt, ist erkrankt und musste kurzfristig von dem Dramaturgen Simon Meienreis ersetzt werden. Meienreis wurde ein weniger aufwendiges Kostüm genäht und er las den Text. Der sehr freundliche Applaus am Ende zeigte, dass das Marburger Publikum mit dieser Lösung offensichtlich gut leben konnte.

von Uwe Badouin

 
 
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