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Landestheater dribbelt sich ins EM-Fieber

Fußball-Lesung im Theatersommer Landestheater dribbelt sich ins EM-Fieber

Viele Menschen lieben Fußball. Das gilt ganz besonders für Thomas „Blutgrätsche“ Huth, Camil „Seitenstechen“ Morariu und Philip „Mäuselunge“ Lütgenau vom Hessischen Landestheater.

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mit netten Bildern

Angriffslustig: Philip „Mäuselunge“ Lütgenau (von links), Camil „Seitenstechen“ Morariu und Thomas „Blutgrätsche“ Huth unterhielten die Zuhörer.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. „Alkoholiker mit 
Fußballproblem – für euch reicht‘s trotzdem“. Der Spruch auf dem T-Shirt von Philip Lütgenau gab den Ton für eine sehr unterhaltsame Lesung vor. Rechtzeitig zum Start der Fußball-Europameisterschaft, die am Freitagabend in Frankreich angepfiffen wird, haben drei Schauspieler des Hessischen Landestheaters Marburg ihr Publikum in der Reihe „Wilde Schwäne“ eingestimmt auf das Spiel, bei dem das Runde in das Eckige muss.

Unter dem Titel „Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien“, einem legendären Ausspruch des früheren Fußballstars Andreas Möller, präsentierten Lütgenau, Thomas Huth und Camil Morariu am Mittwoch im Ufercafé Gischler Witziges, Ernstes und Hintergründiges rund um den Sport, der heute ein Milliarden-Unternehmen ist.

„Manche Leute sagen, Fußball sei eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Es ist viel ernster als das“, zitierten sie den Schotten Bill Shankly. Bonmots wie diese geben viel preis über den Stellenwert einer Sportart, die heute alle anderen zu Randsportarten verdrängt und ihre Protagonisten zu Multimillionären macht.

Durch die Tiefen und Untiefen des Fußballs

Das war nicht immer so. Im „Vorspiel“ zu der Lesung waren Ausschnitte aus Reportagen aus einer Zeit zu hören, in der Fußball-Profis 400 Mark im Monat bekamen und meist noch einen richtigen Beruf hatten, dem sie nachgingen.

Das Landestheater-Trio dribbelte sich gut eine Stunde lang gekonnt durch Tiefen und Untiefen des Fußballs, präsentierte Stilblüten wie Rolf Rüssmanns Credo „Wenn wir hier nicht gewinnen, dann treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt!“ oder Ingo Anderbrügges coole Rechnung: „Das Tor gehört zu 70 Prozent mir und zu 40 Prozent dem Wilmots.“

Im Zentrum stand als roter Faden durch das Programm Axel Hackes legendäres Buch „Fußballgefühle“. Wie der Autor ließen auch die drei Schauspieler kaum etwas aus – von Abseits bis Zeitschinderei war alles vertreten.
„Das nächste Spiel ist immer das nächste“

Wunderbar waren etwa die Fan-Fiction-Auszüge aus dem Tagebuch von Lothar Matthäus – von Thomas Huth im Stil einer Romanze à la Rosamunde Pilcher ins Mikro gehaucht. Nicht vergessen wurde auch die „Wutrede“ des Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni, die für alle Zeiten zu den großen Momenten in der Geschichte des Fußballs gehören wird: „Strunz, was erlauben Strunz. Ich habe fertig.“

Erinnerungen an den „Schlächter von Bilbao“

Auch die düsteren Momente des Fußballs hatten ihren Platz im Programm, wenn Fans etwa über Mannschaften herfallen, wenn Fußball wirklich kriegerisch wird. Wenn eine scharfe Handgranate auf den Platz geworfen wird, mutet eine vollgeschissene Windel, die einen Fußballer trifft, fast noch harmlos an.

Dunkle Kapitel sind auch Brutalo-Fußballer wie Adoni Goicoechea, genannt der „Schlächter von Bilbao“, der reihenweise Gegner schwer verletzte. Oder der Waliser Vinnie „Die Axt“ Jones, der bei einem Freundschaftskick selbst ein Kind rücksichtslos umgrätschte und als einer der größten Fußball-Rüpel in die Annalen einging. Auch der Bremer Uli Borowka war ein weithin gehasster Spieler wegen Drohungen wie dieser: „Auch wenn wir heute verlieren, einer von euch kommt heute noch ins Krankenhaus.“

Mit einer lockeren Kommentatoren-Runde – „Fritz und Junuzovic befruchten sich gegenseitig“ – beendete das Trio mit einem souverän herausgespielten 3:0 die Einstimmung auf die Fußball-Europameisterschaft, in dem Wissen: „Das nächste Spiel ist immer das nächste“, wie Matthias Sammer einmal treffend feststellte.

von Uwe Badouin

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