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Kunstverein präsentiert „Hörwelten“

Ausstellung Kunstverein präsentiert „Hörwelten“

Es gibt zwar auch etwas zu sehen, aber im Zentrum der Ausstellung von Mirja Wellmann, die am Freitag, 1. Juli, um 18 Uhr im Kunstverein eröffnet wird, steht das Hören.

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Britta Sprengel vom Kulturamt (oben von links) und die Künstlerin Mirja Wellmann stehen vor einer Hörbox, in der Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner erste Eindrücke sammelt. Sophie Radtke und Friederike Hagel testen eine Doppelkabine.Fotos: Uwe Badouin

Marburg. Mirja Wellmann ist Bildhauerin und Klangkünstlerin. In Marburg zeigt sie jetzt eine Ausstellung, die beides verbinden soll – Hörinstallationen und plastische Arbeiten, wobei diese ebenfalls auf Höreindrücken beruhen, plastische Abbilder von Geräuschen sind, die sie an unterschiedlichen Orten gesammelt hat. Mirja Wellmann nennt sie „Hörnester“ – und an Nester erinnern sie tatsächlich.

„Hörwelten“ heißt die Ausstellung, die der Kunstverein in Zusammenarbeit mit dem Fachdienst Kultur der Stadt Marburg präsentiert. „Wir im Kunstverein wollen mit dieser Ausstellung 100 Jahre Deutsche Blindenstudienanstalt mitfeiern“, erklärt der Kunstvereins-Vorsitzende Dr. Gerhard Pätzold.

Die Anregung zu der Ausstellung und insbesondere zu der Künstlerin kam aus dem Kulturamt. Britta Sprengel hat seit 2011 Kontakt zu der Künstlerin, die in Berlin aufgewachsen ist und heute auf der schwäbischen Alb lebt und arbeitet. Mit ihren Hörhelmen, Hörkapseln und Hörkabinen aus leuchtendem Plexiglas und Holz hat sie ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Kunstszene. Auch mit ihrem Thema, das sie seit 14 Jahren beschäftigt: mit Geräuschtopografien, mit Hörprotokollen.

Mirja Wellmann wurde jetzt sogar nach San Franciso eingeladen, wo Tausende Teilnehmer eines Projekts Hörprotokolle erstellen werden, die dann – das Silicon Valley ist nicht fern – mittels einer App zu Klängen und schließlich zu einer Skulptur werden sollen.

Ihre Marburger Ausstellung zum Jubiläum der Blista richtet sich an Sehende, Sehbehinderte und Blinde gleichermaßen. „Ich will Blinden und Sehenden eine Begegnung in der Wahrnehmung ermöglichen“, sagt die Künstlerin. Das geschieht über das Hören in ihren leuchtend-fluoreszierenden Plexiglashelmen und -kabinen. Doch anders als etwa bei Clara Oppel, deren aufwendige Klanginstallationen der Kunstverein vor einem Jahr präsentierte, geht es in diesen Boxen ausschließlich um die Umgebungsgeräusche, die durch die Konstruktion verstärkt oder verändert werden: „Wo bin ich? Was höre ich?“ Das sind die Fragen, die die Künstlerin interessieren. Ihre Hörskulpturen „arbeiten subtil mit menschlichen Sinnen“.

Sie führt dafür richtige Hörmanuskripte, überträgt die Geräusche, die sie hört – sei es ein Auto, ein Vogel oder Regen – ins Alphabet und in Zeichen. Diese Geräuschlandschaften bildet sie ab – bildhauerisch und malerisch. Im Obergeschoss sind Bilder zu sehen, die aus Wörtern bestehen, die sie gehört hat: Bord, Silence, Motor, Plane oder Car. Die Bilder stellen, so Mirja Wellmann, einen „undefinierbaren akustischen Raum“ dar.

Blista-Direktor Claus Duncker freut sich auf die Ausstellung: „Es ist ein begeisterndes Thema: Blinde und Sehende begegnen sich auf Hörhöhe.“ Das Interesse an der Ausstellung dürfte groß sein. Die Blista ist eine bundesweit einzigartige Einrichtung und weit über die Grenzen Marburgs hinaus bekannt. 272 Schülerinnen und Schüler werden derzeit dort unterrichtet, in Marburg leben nach Dunckers Angaben rund 1000 blinde Menschen.

Der Bedeutung angemessen ist auch der Aufwand, den die Stadt und der Kunstverein betreiben. Die Ausstellung selbst wird mit einem Bodenleitsystem ausgestattet, zudem gibt es taktile Begleitpläne. Den Katalog gibt es sowohl in einer Print- als auch in einer Hörausgabe.

„Die Ausstellung ist der Beitrag des Kulturamts zum Jubiläum“, sagte Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach. So gibt es nach Auskunft des Kulturamtsleiters Dr. Richard Laufner inzwischen sechs internetbasierte Audioguides zu den Blista-Jubiläums-Ausstellungen im Schloss und im Kunstverein, die man auf der städtischen Homepage www.marburg.de abrufen kann.

Neu ist auch ein von der Stadt herausgegebener Flyer mit dem Titel „Blindenstadt Marburg“, der zu Einrichtungen führt, die es in Marburg für Blinde gibt.

Die Ausstellung läuft bis zum 18. August, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr, Mittwoch von 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Am Samstag um 16 Uhr und am Sonntag um 12 Uhr führt die Künstlerin selbst durch die Ausstellung. Am Sonntag schließt sich ab etwa 13 Uhr eine eineinhalbstündige „Hörtour Marburg“ an, bei der die Teilnehmer eigene Hörprotokolle erstellen werden.

von Uwe Badouin

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