Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 1 ° Sprühregen

Navigation:
Kritische Komödie mit Kulisse aus Kartonboxen

„betreff:theater“ spielt „ego alles ich“ Kritische Komödie mit Kulisse aus Kartonboxen

Mit der Premiere von „ego alle ich“ stellte das „betreff:theater“ in der ausverkauften Waggonhalle einmal mehr unter Beweis, warum es die Nummer eins unter den studentischen Theatergruppen Marburgs ist.

Voriger Artikel
Trinker-Novelle trifft auf Tom Waits
Nächster Artikel
Solist verzaubert mit schnellen Läufen

In ihrer Ehe ist Gerlinde Bertrand (Maria Werner) auch nicht glücklich. Doch als ihr Mann Robert ausbricht und verschwindet, reagiert sie ratlos.

Quelle: Maik Dessauer

Marburg. Am Anfang steht lediglich ein riesiger Kubus aus Kartons auf der Bühne. Ansonsten ist die Spielfläche leer. Zu den elektronischen Klängen des Fraktus-Hits „Affe sucht Liebe“ betritt David Brehm (grandios als verwirrter Psychiater Dr. Erich Asendorf) mit Glitzerperücke und Bademantel die Bühne und beginnt, in einer herrlichen Trash-Performance, die Kisten im Raum zu verteilen. Das abstrakte Bühnenbild wird im Verlauf des Stücks immer wieder umgebaut, was eine unheimliche Dynamik schafft.

In dieser quadratisch-genormten Welt entspinnt sich die Handlung um Robert Bertrand (Olufemi Atibioke zwischen süffisantem Chauvinismus und Identitätskrise), der aus seinem Leben und vor seiner Familie flüchten will. Seine Frau Gerlinde (präzise und überzeugend Maria Werner) versucht den Schein einer intakten Familie aufrechtzuerhalten, träumt sich jedoch ebenso in die Ferne. Die Firma soll Kollege Holger (spürbar getrieben Julian Gorsanski) übernehmen.

Komödie spricht ernste Themen an

Dieser sieht sich angesichts der zunehmenden Mobbingattacken durch Kollegin Heidrun (eiskalt und skrupellos Anne Boland) jedoch überhaupt nicht zu Höherem berufen. Seine Frau Natalie (Sina Scherzant als blonde Furie) weiß sich ob der Hilflosigkeit ihres Mannes nur noch durch unkontrollierte Wutausbrüche und eine Affäre mit Asendorf helfen zu können, während Roberts Sohn Helmar (wunderbar niederträchtig Maik Kristen) beim Scrabbeln mit der verführerischen Silja (in Bewegung und Sprache synchron verkörpert von Ann-Kathrin Heine und Levia Murrenhoff) ganz eigene Machtpläne schmiedet.

Das Stück kommt als rasante Komödie daher, verhandelt im Kern jedoch sehr ernste und aktuelle Themen. Die Dekonstruktion einer Familie, der Konkurrenzkampf auf dem Schlachtfeld Arbeitsmarkt und die Verharmlosung von Burnout stehen dabei im Vordergrund. Roberts egoistisch motivierte Flucht ist das Resultat einer fehlgeschlagenen Selbstoptimierung. Der von jeglicher Empathie befreite Umgang mit Holger liest sich als zynischer Kommentar auf die Einsamkeit des Individuums im Chaos der Postmoderne. Das kapitalistische System fordert seine Kollateralschäden.

Anna Gröbler und Fabian Lamster beweisen als Regie viel Geschick hinsichtlich der technischen Umsetzung ihrer Szenen und ein feines Gespür für die lauten und leisen Momente des Stücks, wodurch „ego alle ich“ zu einem in sich äußerst stimmigen Werk wird, welches von Anna di Biase auf dem Klavier begleitet wird.

  • Die nächsten Aufführungstermine sind am 4., 5. und 6. Juli ab 20 Uhr in der Waggonhalle.

von Maik Dessauer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr