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Krieg, Gewalt und Männlichkeit

Theaterpremiere Krieg, Gewalt und Männlichkeit

Mit viel Kunstblut und rhythmischen Dialogen inszenierten Regisseur Marc Becker und das Marburger Landestheaterensemble die Neubearbeitung des britischen Dramatikers Martin Crimp „Die Phönizierinnen“.

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Lene Dax und Lisa-Marie Gerl (von links) rufen den blutigen Ödipus-Mythos in Erinnerung.

Quelle: Killa Schuetze

Marburg. „Was ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig und am Abend dreifüßig?“ So oder so ähnlich lautete wohl die Frage der Sphinx vor den Toren Thebens an die Gestalt des Ödipus im fünften Jahrhundert vor Christus in der griechischen Mythologie. Aufbauend auf die nachfolgenden Ereignisse um die Tragik von Ödipus, der zuerst den Vater im Handgemenge ermordete, die eigene Mutter ehelichte und mit ihr weitere Kinder zeugte, sich am Ende der Schmach auch noch das Augenlicht nahm, schließt an die Handlung von Euripides „Die Phönizierinnen“. Knapp 200 Gäste sahen in Marburg die Premiere der Neuinszenierung des Dramas von Martin Crimps „Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“.

Darstellerinnen als Reiseführer

„Wenn die Antwort der Mensch ist, was ist dann die Frage?“, hauchten die vier Darstellerinnen Lene Dax, Lisa-Marie Gerl, Julia Glasewal und Victoria Schmidt im weiß gewandten Chor. Mit starren Blicken und kühler Haltung wurde dem Publikum die Vorgeschichte zum Ödipus-Mythos in Erinnerung gerufen. Dann ertönte ein lautes „Wummm!“. Mit dem Handschlag auf einen roten Buzzer inmitten des Bühnenbildes läuteten die phönizischen Mädchen sogleich einen Szenenwechsel ein.

Wie ein Reiseführer leiteten die Darstellerinnen durch die folgende Handlung: Ruhm, Ehre und Machterhalt, darum stritten die beiden Söhne des erblindeten Ödipus. Um die Zukunft Thebens zu sichern, wechselten Polyneikes und Eteokles im Jahresturnus ihre Herrschaftsansprüche, bis sich der von Machthunger besessene Eteokles diesem nicht mehr hingeben wollte und es zum Streit der Brüder kam. Dazwischen versuchte nun Ödipus‘ Frau und Mutter Iokaste, eine Schlichtung herbeizuführen. An diesem Punkt setzt die Inszenierung von Regisseur Marc Becker an, er lässt die auftretenden Mädchen auch als Hauptcharaktere wirken, diese nach modernen Verhaltensmustern die Stimmung aufbrechen. „Was ist falsch an absoluter Macht?“, brüllte Victoria Schmidt als Eteokles auf der Bühne.

Tod im Zweikampf und ein roter Buzzer

Fast in geistiger Abwesenheit kann Iokaste den zerstrittenen Brüdern in ihrer verfahrenen politischen Überzeugung nicht beikommen. Im Kampf um die Stadt mischen dabei noch Onkel Kreon, militärische Figuren und ein blinder Seher mit. Und damit auch der letzte Zuschauer am Schluss wusste, wer nun eigentlich wer ist, hingen links und rechts der Szenerie je ein aufgemalter Stammbaum der Familienrunde. Neben allem Zwist und Machterhalt gab es für das Publikum noch einige Lachmomente vom „leise sprechenden Offizier“ und der allzu schräg wirkenden Schwester Antigone.

Am Ende nützten die Fürbitten Iokastes nicht, ihre Söhne zur Vernunft zu bringen. Beide fanden den Tod im Zweikampf. Und wenn sich zwei streiten, dann freut sich bekanntlich Onkel Kreon, der als neuer Stadtherr gleich die verkorkste Restfamilie samt blindem Ödipus vor die Tür setzte. Mit dem Buzzer und nur vier Darstellerinnen setzte Becker im Stück bewusst auf einen modernen Aspekt des Schauspiels. Er sagte: „Um dies auszuprobieren, nutzten wir die Dynamik der Dialoge, um mit dem Buzzer die Schnitte wie in Filmszenen zu erzeugen.“ Tosenden Applaus vom Publikum gab es zum Schluss für die sechswöchige Probezeit, deren postmoderne Inszenierung die griechische Mythologie auf die heutige Gegenwartspolitik perfekt übersetzt.

  • Weitere Vorstellungen von „Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“ gibt es am 5., 13. und 16. April jeweils um 19.30 Uhr im Hessischen Landestheater, Am Schwanhof.

von Arnd Hartmann

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