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Kraftvolles, preisgekröntes Roadmovie

Kinostart: „Taxi Teheran“ Kraftvolles, preisgekröntes Roadmovie

Im Iran hat Jafar Panahi Berufsverbot. Dennoch macht der Regisseur weiter – mit extrem eingeschränkten Mitteln, aber voller Humor. Zu Recht gewann er dafür den ­Goldenen Bären.

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Regisseur und Fahrer Jafar Panahi zeigt in seinem Film „Taxi Teheran“ tiefe Einblicke in die Gesellschaft der iranischen Hauptstadt. Für seinen Film erhielt Panahi den Goldenen Bären der Berlinale 2015.

Quelle: Weltkino Filmverleih

Jafar Panahi ist einer der bekanntesten Regisseure seiner Generation aus dem Iran. Er feiert international immer wieder Erfolge und gewann bereits zahlreiche Auszeichnungen. Seinem Regime in Teheran ist der 55-Jährige jedoch ein Dorn im Auge – wegen Kritik an der Regierung wurde er 2010 zu sechs Jahren Haft und zu einem 20-jährigen Berufs- und Ausreiseverbot verurteilt.

Doch das hält Panahi nicht auf. Schon seine Doku „Dies ist kein Film“ schmuggelte er auf einem USB-Stick in einem Kuchen aus dem Land. Nun hat er erneut einen Film gedreht. Im Verborgenen, aber voller Humor und Lebensfreude. Dafür gab‘s bei der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären für den besten Film.

Zunächst ist dabei noch unklar, ob „Taxi Teheran“ eine Dokumentation oder fiktive Geschichte ist: In einem Taxi ist eine Kamera installiert, die aus der Windschutzscheibe nach vorne gerichtet ist. Szenen aus Teheran rauschen vorbei, der trubelige Verkehr, Männer und Frauen, die die Straßen überqueren. Einblicke in den Alltag einer isolierten Stadt.

Was bringt die Todesstrafe?

Bald darauf sitzen die ersten Fahrgäste im Taxi, die Kamera wird entdeckt und ins Wageninnere gedreht. Am Steuer sitzt Panahi selbst, der seine Gäste in knapp eineinhalb Stunden quer durch Teheran fahren wird.

Dem Regisseur gelingt es dabei, ein vielschichtiges Kaleidoskop der Gesellschaft zu entwerfen. Seine ersten Gäste etwa diskutieren erhitzt über die Todesstrafe. Schreckt sie Kriminelle wie Räuber tatsächlich ab, wie es von offizieller Seite heißt? Oder sollte man nicht besser versuchen, die Ursachen zu beheben, zum Beispiel Armut bekämpfen?

Panahi, der selber nicht zur Berlinale kommen konnte, spricht dabei zahlreiche Themen an. Als etwa ein schwer verletzter Mann blutend auf seiner Rückbank liegt, diktiert er Panahi sein Testament ins Handy – denn seine Frau hätte wohl kaum Chancen auf sein Erbe, weil Männer in der Gesellschaft schlichtweg einen besseren Stand haben.

Später holt Panahi seine kleine Nichte ab. Das forsche Mädchen redet wie ein Wasserfall und hat in der Schule gelernt, wie ein „zeigbarer“ Film zu sein hat. Wie absurd die Regeln sind, die sie aufzählt, wird schnell klar.

Unterdrückt aber irgendwie zufrieden

Große und drängende Probleme greifbar machen, das gelingt Panahi bei all dem scheinbar spielerisch. Oft erzählt er sogar fast nebenbei von ihnen, wie zum Beispiel von Straßenkindern oder Familien in Not. Gegen Ende des Films sitzt außerdem eine Anwältin auf dem Beifahrersitz und berichtet von Berufsverbot, Drangsalierungen durch das Regime – und wie sie sich nicht unterkriegen lassen will.

Überhaupt strahlt „Taxi Teheran“ eine unglaubliche Energie aus. Nicht nur die einzelnen Sequenzen wirken ungeachtet der teilweise schweren Themen leicht und kurzweilig. Auch die Figuren gehen trotz der politischen und sozialen Einschränkungen ihren Weg. Ebenso Panahi: Er strahlt bei all dem eine Ruhe und Zufriedenheit aus, die man von einem unterdrückten Filmemacher so nicht unbedingt erwarten würde.

Selbst als ihn ein Fan erkennt – ein junger Mann, der gebrannte DVDs mit Filmen schmuggelt – und ihn auf seine Misere anspricht, zuckt Panahi nur mit den Schultern. Immerhin bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich mit seiner Situation zu arrangieren. Wie viel künstlerische Freiheit er sich aber trotz seiner stark eingeschränkten Mittel erarbeitet, ist beeindruckend.

  • Der Film läuft im Filmkunsttheater Kammer.

von Aliki Nassoufis

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