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Stürmischer Applaus für Experiment

Unichor und Junge Philharmonie Stürmischer Applaus für Experiment

Volle Bühne und volles Haus hieß es am Sonntag beim ersten gemeinsamen Konzert des Unichors und der Jungen Marburger Philharmonie.

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Experiment geglückt: Das Foto zeigt nur einen Teil der Mitwirkenden beim ersten gemeinsamen Konzert der Jungen Marburger Philharmonie und des Unichors.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Die Universitätsstadt Marburg kann stolz sein auf das hohe ehrenamtliche Engagement der vielen musikalischen Ensembles. Im ausverkauften Erwin-Piscator-Haus präsentierten der Unichor und die Junge Marburger Philharmonie (JMP) erstmals gemeinsam ein musikalisches Großprojekt und imponierten nicht nur mit dem eindrucksvollen Bild der gut 150 Mitwirkenden. Viel mehr hätten nicht auf die Bühne gepasst.

Volle Bühne und volles Haus hieß es am Sonntag beim ersten gemeinsamen Konzert des Unichors und der Jungen Marburger Philharmonie.

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Seit Oktober 2016 hatten sich die Mitglieder beider Ensembles getroffen und miteinander geprobt. Eine gemeinsame Programmauswahlkommission hatte sich für vier selten aufgeführte Werke der Spätromantik entschieden – was auch dem Schwerpunkt des Unichors entspricht. Nur sangen die rund 70 Sängerinnen und Sänger dieses Mal nicht „A capella“, sondern wurden von einem Sinfonieorchester begleitet.

So gut sich Dichtung und Musik in den ausgewählten Werken vereinen, so verbunden präsentierten sich auch die Musiker. Unter der wechselnden Leitung der beiden Dirigenten Nils Kuppe (Unichor) und Lukas Rommelspacher (JMP) wurde starke programmatische Musik dargeboten. Besonders das als „cantata“ bezeichnete „The Black Knight“ von Edward Elgar, nach der englischen Übersetzung des Gedichts „Der schwarze Ritter“ des Tübinger Dichters Ludwig Uhland. Mit viel Spielfreude wurde die Geschichte des mysteriösen Ritters erzählt, der ein Fest am Königshof stört und für Unglück sorgt. Opulent orchestriert wie ein Abenteuerfilm im klassischen Hollywood der 1940er-Jahre begeisterten die Musiker der JMP mit energischem Spiel und starken Posaunen und Geigen.

Mut zu Schönberg

Ganz sanft hingegen ließ Nils Kuppe seinen Unichor beginnen und verstärkte so den lauter werdenden Crescendo-Effekt. Allerdings war der Text in den leisen Passagen nur schwer zu verstehen. Und auch gegen das volle Orchester kamen die dahinter stehenden Laiensänger des Unichors kaum an. Doch die Sänger agierten beherzt und wohl artikuliert. Der natürliche Gesang der jungen Sänger gab dem Programm einen sehr offenen, modernen Klang. Zur Textverständlichkeit half das Programmheft, in dem alle Texte abgedruckt waren.

Sowohl der Unichor als auch die JMP zeigen sich immer wieder offen für unbekanntere Werke, die auch mal Mut erfordern. Dies war auch bei „Friede auf Erden“ von Arnold Schönberg der Fall – sein letztes im tonalen Stil komponiertes Werk. Nur leicht begleitet stand hier der Gesang eindeutig im Vordergrund. Die Stimmen wurden mal scheinbar wild durcheinander, mal gemeinsam im homophonen Satz geführt. In diesem Stück des selbsternannten Entdeckers der Zwölftonmusik waren die Ansätze zur Atonalität schon deutlich herauszuhören – eine Herausforderung, die der Unichor hervorragend meisterte.

Umrahmt wurde Schönbergs Chorwerk von zwei Vertonungen von Gedichten von Johann Wolfgang von Goethe. Im „Gesang der Parzen“ aus „Iphigenie zu Tauris“, den Johannes Brahms vertonte, wurde der Kontrast zwischen dem trostlosen Text und der versöhnlichen Musik wunderbar umgesetzt. Weich und verletzlich sang der schöne helle Sopran, warm und sanft erklangen die Streicher, in kraftvolleren Passagen überzeugten die Tenöre.

Dirigenten musizieren mit

Eine direkte Gegenüberstellung zu „Wandrers Sturmlied“ von Richard Strauss wäre zur besseren Vergleichsmöglichkeit zwar angebracht gewesen – schließlich hatte sich der damals 20-jährige Strauss Brahms als Vorbild genommen. Doch so konnte der dramatische Klang jedes Chorwerks für sich wirken. Lukas Rommelspacher dirigierte genau und konnte auch mit kleinen Gesten die 150 Sänger und Musiker gut anleiten. Nils Kuppe trieb in der dritten Szene der Elgar-Kantate die Musiker mit großen Gesten an.

Bei der Zugabe wurde es mit dem „Pomp and Circumstance March No. 1“ von Edward Elgar noch einmal richtig feierlich. Hatte Rommelspacher bei der Kantate noch das Becken übernommen, stand Kuppe nun an der Triangel und sang auch wieder mit.

Nicht nur die beiden Dirigenten hatten sichtlich Spaß und begeisterten das Publikum einmal mehr, das den Unichor und die JMP für das gelungene Experiment mit stürmischen Applaus feierten.

von Mareike Bader

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