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Kommt von Herzen, geht zu Herzen

Bachchor singt Weihnachtsoratorium Kommt von Herzen, geht zu Herzen

Wie schön! Nach langer Zeit kehrte endlich einer der Marburger Chöre zurück zur Tradition und widmete sich „nur“ den ersten drei Kantaten des „Weihnachtsoratoriums“.

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Der Bachchor sang in der Lutherischen Pfarrkirche das „Weihnachtsoratorium“.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. In den ersten drei Kantaten seines „Weihnachtsoratoriums“ erzählt Johann Sebastian Bach die Weihnachtsgeschichte bis zur Geburt Jesu. Die Kantaten 4 bis 6 hat er ausdrücklich für die Zeit nach Weihnachten bestimmt.
Seit einigen Jahren begnügen sich Chöre jedoch bei ihren Adventskonzerten nicht mit dem ersten Teil, sondern hängen mindestens eine Kantate des zweiten Teils an, wenn sie sich nicht sogar an Gesamtaufführungen wagen wie vor einer Woche die Elisabethkirchenkantorei oder kommenden Sonntag die Kantorei Marburger Land in der Stiftskirche Wetter. Der Marburger Bachchor jedoch scherte aus und baute ausschließlich auf die Kantaten 1 bis 3 – wie es früher Tradition war.

Jedes Mal, wenn er ein Konzert gibt, ist dies für die Zuhörer ein Fest. Aufs „Weihnachtsoratorium“ bezogen, bedeutet dies: Ist der Bachchor damit in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien in Marburg zu hören, dann kommt dies einem Auftritt der Thomaner in der Leipziger Thomaskirche gleich – jenes Chors, für den Bach sein populärstes Oratorium geschrieben hat. Folglich war Marburgs akustisch hervorragendste Kirche am 3. Advent mit 700 Besuchern ausverkauft. In Biedenkopf allerdings, wo der Chor am Samstag gastiert hatte, blieb die Hälfte der Plätze in der katholischen Kirche unbesetzt. Aber die 170 Zuhörer, die gekommen waren, feierten die Sänger und Musiker mit Ovationen im Stehen.

Eine Offenbarung: die Gestaltung des Evangelisten

In Marburg wollte der Beifall ebenfalls kein Ende nehmen, sodass Nicolo Sokoli Chor und Orchester zu einem Dacapo des Einleitungschores „Jauchzet, frohlocket! Auf, preiset die Tage“ bewegte – im gleichen zügig-frischen Tempo, das die ganze Aufführung bestimmte und sich seit dem Siegeszug der historisierenden Aufführungspraxis überall durchgesetzt hat. Auch in Marburg musizierte das Orchester, die Kammerphilharmonie Seligenstadt, auf sogenannten Originalinstrumenten – mit meistens klangschönem Ergebnis, das den menschlichen Stimmen eindringlichen Instrumentalgesang hinzufügte. Nur in der Bass-Arie „Großer Herr, o starker König“ hätte man sich den Einsatz einer modernen Ventiltrompete gewünscht. Die Naturtrompeten litten doch besonders unter der kühlen Kirchentemperatur.

Weihnachtsoratorium Bachchor.

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Die Herzen der Zuhörer erwärmte der Chor mit seiner von Herzen kommenden Wiedergabe der Choräle, begeisterte jedoch auch im bereits erwähnten Einleitungschor und in den Rahmenteilen von Nummer drei „Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen“ mit zupackendem Brio. Endlich einmal wieder einen Chor zu hören, bei dem die Männer nicht gegenüber den zahlenmäßig stärker vertretenen Frauen ins Hintertreffen geraten, war ein Hochgenuss.
Einer Offenbarung gleich kam auch die Gestaltung des Evangelisten durch den Tenor Georg Poplutz, der andere oft unerträglich fistelnden Evangelisten-Interpreten das Fürchten lehrte – gewissermaßen ein Erzähler mit Unterleib, dessen warm strömende Stimme sich auch mühelos den virtuosen Herausforderungen der Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ gewachsen zeigte.

An Ausdruckskraft und Stimmschönheit gleich kam ihm die Mezzosopranistin Anne Bierwirth, die mit ihren drei wundervollen Marien-Arien neben Poplutz die solistischen Höhepunkte der Aufführung setzte.

Technisch tadellos und kultiviert sang auch der Bariton Johannes Hautz, in seiner bereits erwähnten Bravour-Arie hätte man sich jedoch etwas mehr Bass-Volumen und Durchsetzungskraft gewünscht. Bezaubernd jedoch sein Duett mit der Sopranistin Kerstin Bruns, das Dirigent Sokoli fast wie ein Stück aus einer Buffo-Oper singen und musizieren ließ.

Der Aufführung für die „Großen“ war eine gekürzte Version für die „Kleinen“ vorausgegangen. In der ebenfalls ausverkauften Pfarrkirche wirkte dort, wie Bachchor-Pressesprecher Till Doermer berichtete, Michael Köckritz als „fantastischer Erzähler“ mit, der mit seiner einfallsreichen Moderation nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern fesselte.

von Michael Arndt

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