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Kleiner Wüsten-Kosmos als Abbild Israels

Chaim Noll Kleiner Wüsten-Kosmos als Abbild Israels

Passender hätte der Veranstaltungsort nicht sein können. Der 59-jährige Autor Chaim Noll stellte seinen Roman „Die Synagoge“ in der Marburger Synagoge vor.

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Chaim Noll stellte in der Marburger Synagoge seinen Roman „Die Synagoge“ vor.Foto: Kaiser

Marburg. Die Lesung am Montagabend begann für die 30 Zuhörer mit einem Moment zum Schmunzeln: Noll, der über eine sehr klare Lesestimme verfügt, las mit großer Geschwindigkeit. Als ein Zuhörer darum bat, dass der Schriftsteller doch bitte langsamer lesen solle, lächelte Noll und sagte: „Dann dauert es aber länger!“ Doch kein Besucher schien dagegen Einwände zu erheben.

Der historische Kontext der Geschichte ist die zweite Intifada, der zweite Palästinenseraufstand in Israel, dem Gazastreifen und dem Westjordanland, die die Region von 2000 bis 2005 erschütterte. In dem Kapitel, das Noll vorlas, schilderte er die Reiseeindrücke einer der Protagonisten während der Busfahrt in einen abgelegenen Wüstenort. Dabei besticht Nolls Duktus durch Detailreichtum bei seiner Darstellung der Umwelt des „Fremden“.

Bei dem Roman, der im März dieses Jahres erschienen ist, handelt es sich um einen Gesellschaftsroman, der einen eindringlichen Einblick in die jüdische Gesellschaft bietet. „Der Roman spielt sich innerhalb einer begrenzten und vom Rest des Landes sehr abgeschiedenen Wüste ab, in der es verschiedene Gruppen, bestimmte Strukturen, Sympathien und Feindschaften gibt. Diese Diversität spiegelt sich im Roman anhand der unterschiedlichen Haltungen zur örtlichen Synagoge“, erklärte der Autor. Wie steht man zur Synagoge? Geht man hin oder nicht? Duldet man sie oder nicht? Dies sind die Konfliktlinien, die Noll in den Wüstensand zeichnet.

In Ost-Berlin aufgewachsen, flüchtete Noll mit 29 Jahren in den Westen der geteilten Stadt und wanderte 1995 nach Israel aus, wo er bis heute nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Dozent an der Ben-Gurion-Universität in der Wüste Negev tätig ist.

Auffällig an der abschließenden Diskussionsrunde war, dass es weniger um den Inhalt des Buches ging. So wollten die Zuhörer vor allem mehr über das Verhältnis zu Deutschland und das alltägliche Leben Nolls erfahren. Denn wann hat man in Marburg schon einmal Gelegenheit, mit einem Menschen zu reden, der wenige Kilometer von der Westbank entfernt lebt?

Veranstaltet wurde die Lesung von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Chaim Noll: „Die Synagoge“, Verbrecher-Verlag, 448 Seiten, 29 Euro

von Benjamin Kaiser

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