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Klassische Schönheit, jazziger Drive

Konzertverein Klassische Schönheit, jazziger Drive

Er ist die Nummer eins unter den jungen deutschen Klarinettisten. Begleitet von seinem Vater Wolfgang Manz am Klavier, eroberte Sebastian Manz im Sturm die Herzen des Marburger Publikums.

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Wolfgang Manz begleitete am Flügel seinen Sohn, den Klarinettisten Sebastian Manz.Foto: Weigel

Marburg. Dem Schüler der großen Sabine Meyer und ihres Mannes Rainer Wehle ist gelungen, was kein anderer Klarinettist vor ihm vier Jahrzehnte lang geschafft hat: Sebastian Manz hat 2008 den 1. Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD gewonnen. Außerdem ist er zweimal in Folge, 2011 und 2012, mit dem „Echo Klassik“ ausgezeichnet worden. Die Erwartungen des Marburger Publikums an seinen ersten Auftritt beim Konzertverein waren also hoch. Und der 26-Jährige enttäuschte sie nicht.

Gleich im melodiösen Kopfsatz der Es-Dur-Sonate von Camille Saint-Saëns betörte Manz mit zart-expressivem Ton, dem sich im Scherzo und Finale virtuos funkelnde Spielfreude hinzugesellte. Und im langsamen dritten Satz kontrastierte der Solist das wuchtig ausgeschrittene tiefe Register seines Instruments mit schwerelos schwebenden hohen Klängen. Kaum zu glauben, dass diese von klassischer Schönheit und jugendlicher Frische bestimmte Sonate 1921 komponiert worden und das Werk eines bereits 85-Jährigen ist.

Manz stellte ihr ein weiteres Alterswerk gegenüber: Die im Sommer 1894 komponierte f-Moll-Sonate ist zusammen mit dem Es-Dur-Schwesterwerk die letzte Kammermusikkomposition von Johannes Brahms und begründet gleichzeitig eine neue Gattung. Eindringlich traf Manz den leidenschaftlichen Tonfall des Kopfsatzes genauso wie die verträumte Stimmung des Andante-Satzes und die nostalgische Färbung der Ländler-Idylle, die zur unbeschwerten Fröhlichkeit des tänzerischen Final-Rondos überleitet.

Der Vater des Klarinettisten, Wolfgang Manz, trug seinen Sohn als Klavierbegleiter geradezu auf Händen - auch in den beiden Werken des zweiten Programmteils, in denen Sebastian Manz sich auf den Boden der gehobenen Unterhaltungsmusik begab. Da demonstrierte er, dass die Klarinette sich nicht nur mit weichem Gesang ins Ohr schmeichelt, sondern auch zu grellen Tönen fähig ist, etwa am Schluss von Claude Debussys klangfarbenreicher „Première Rhapsody“, vor allem aber in „Scaramouche“ von Darius Milhaud mit seinem derben Marsch-Fox und seiner rhythmisch elektrisierenden Samba, die einen sanft einschmeichelnden Shimmy-Dance umgeben.

Kein Wunder, dass nach dieser mitreißend musizierten Jazz-Suite die 500 Zuhörer in der Stadthalle nicht ruhten, bis Vater und Sohn, „um wieder runterzukommen“ (Sebastian Manz), das sanfte „Petite Pièce“ von Debussy zugaben.

Zwischen den jeweils zwei Werken, in denen der Klarinettist im Vordergrund stand, ritt Wolfgang Manz, um dem Sohn Zeit zum Atemholen zu geben, zwei hochvirtuose Schlachtrösser, Franz Liszts „Venezia e Napoli“ und Sergej Rachmaninows Bearbeitung von „Liebesfreud und Liebesleid“ des Wiener Geigenvirtuosen Fritz Kreisler.

In beiden Werken bot Manz abstufungsreichen und effektvoll ausgezierten Klavier-Belcanto eingebettet in atemberaubende Bravour.

Das weckte bei den Klaviermusik-Fans im Publikum den Wunsch, den Pianisten, der vor sieben Jahren bereits beim Konzertverein mit Rachmaninows viertem Klavierkonzert begeistert hatte, dort einmal mit einem Solo-Recital zu hören.

von Michael Arndt

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