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Klassiker wird zum Popmärchen

Der große Gatsby Klassiker wird zum Popmärchen

Mittwoch lief Leonardo DiCaprio über den roten Teppich in Cannes. Fast zeitgleich zur Weltpremiere präsentierte die OP vor 300 Besuchern „Der große Gatsby“ - auch mit rotem Teppich und einem Leo-Double, den das Kaufhaus Ahrens engagiert hatte.

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Genau hinschauen: Der zweite von links sieht zwar so aus wie Leonardo DiCaprio, ist aber ein Double. In der Rolle des Jay Gatsby an der Seite von Sebastian Ahrens und drei jungen Frauen, die sich auf die OP-Vorpremiere freuen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Es ist einer der großen gesellschaftskritischen Romane der amerikanischen Literatur. Doch mit der gewagten Handschrift des australischen Regisseurs Baz Luhrmann wird „Der große Gatsby“ zu einer rauschhaften Farb- und Klangorgie. Das Liebesdrama aus den „Roaring Twenties“, den wilden 20er Jahren in New York, heizt Luhrmann mit Hip-Hop-Musik an. Schwindelerregende Kamerafahrten und schrille Partyszenen mit Champagner, Feuerwerk und Konfetti entladen sich in 3-D über den Zuschauern. Luhrmann treibt die Reizüberflutung bis zur Schmerzgrenze. Doch mit seiner starken Besetzung kehrt er immer wieder zum Kern des Klassikers zurück.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des schüchternen mittellosen Nick Carraway (Tobey Maguire), der als junger Börsenmakler vom großen Geld träumt. Er lebt in einem kleinen Haus auf Long Island, gleich neben dem Schloss des mysteriösen Millionärs Jay Gatsby. In pastellfarbenen Anzügen, mit pomadiger Haartolle und einem Killerlächeln spielt Leonardo DiCaprio dessen neureichen Charme aus. Damit möchte Gatsby seine heimliche Jugendliebe Daisy (Carey Mulligan) wiedergewinnen, eine Cousine von Carraway, die ihren steinreichen, untreuen Ehemann Tom Buchanan (Joel Edgerton) längst leid ist. Das tödliche Drama ist vorprogrammiert.

Luhrmanns poppiger Bilderrausch „Moulin Rouge!“, der 2001 das Filmfestival in Cannes eröffnete, wirkt neben „Gatsby“, der Mittwoch dort zum Auftakt lief, blass. Der Regisseur von opulenten Werken wie „Australia“ und „William Shakespeares Romeo + Julia“ greift bei der Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds 1925 geschriebenen Roman in die Vollen. Mehr als 100 Millionen Dollar (77 Millionen Euro) kostete das Popmärchen über die dekadente Society.

Es ist gespickt mit Art-Deco-Juwelen, glitzernden Prada-Kleidern im Stil der 20er Jahre und grellen Oldtimern. Gatsbys Herrenhaus gleicht einem Disney-Märchenschloss. Szenenbild und Kostüme schuf Luhrmanns Frau Catherine Martin, die für die Ausstattung von „Moulin Rouge!“ gleich zwei Oscars gewann. Die New Yorker Kulisse wurde in Australien nachgebaut, der gesamte Dreh fand in der Heimat des Regisseurs statt.

Künstlerische Freiheiten erlaubte sich Luhrmann auch bei der Musik. Er heuerte Rapper Jay-Z für den Soundtrack an, Beyoncé und André 3000 sind darauf zu hören, ein Mix aus Hip-Hop und Jazz. Seine Musikwahl sei bestimmt „kontrovers“, räumte Luhrmann im Interview mit dem „Wall Street Journal“ ein. Auch Fitzgerald sei 1925 ein Risiko eingegangen, als er die noch junge, schwarze Straßenmusik Jazz in seinem Buch beschrieb.

Der Schriftsteller sei ein „Modernist“ gewesen, der sich auch für neue Filmtechniken begeisterte, sagt Luhrmann. Das hätte ihn unter anderem darin bestärkt, „Gatsby“ im 3-D-Format zu drehen. Dem Zuschauer fliegt dabei allerhand ins Gesicht. Champagnerkorken knallen aus der Leinwand, ebenso Papierfetzen mit Sätzen aus dem Roman. Auch stapelweise Männerhemden, die Gatsby seiner Daisy im Liebesrausch zuwirft. Der frühere Gatsby-Darsteller Robert Redford kommentierte ironisch in der „New York Times“: „Das wird interessant sein, wie viele Zuschauer nach einem Hemd greifen werden.“

Die „Gatsby“-Verfilmung von 1974 mit Redford und Mia Farrow erntete damals schlechte Kritiken. Langweilig, verstaubt, ohne echte Gefühle, urteilten Hollywoods Topkritiker über die Regiearbeit des Briten Jack Clayton.

An Luhrmanns Neuauflage bleibt kein Fetzen Staub hängen. Bunt und rasant ist seine Tour de Force durch die Lebensgeschichte des Emporkömmlings Gatsby, der durch Alkoholschmuggel reich wird. Der Film ist stellenweise aber so oberflächlich wie die verwöhnte Gesellschaft, die Fitzgerald mit viel mehr Tiefgang treffend porträtierte.

von Barbara Munker

Meinungen der Vorpremierenbesucher:

„Sehr opulent und fesselnd. DiCaprio war toll!“ - Jeannine Walter (53) aus Marburg

„Beeindruckend, vielseitig, überraschend, wunderschön romantisch und tragisch.“ - Eva-Maria Trusheim (26) aus Marburg

„Großartige Neuauflage. Leonardo DiCaprio war sehr überzeugend, und das schreibe ich, obwohl ich Robert-Redford-Fan bin.“ - Ursula Janßen (51) aus Marburg

„3-D wirkte manchmal unwirklich, besonders am Bildrand unscharf. Insgesamt anstrengend. Die Geschichte: Überraschend. Gutes Kino.“ - Ingrid Haubner (48) aus Niederweimar

„Ein Fest der Bilder.“ - Angela Bartel aus Marburg

„Die große Stille am Ende des Films, als die Lichter wieder angingen, war das Schweigen des Publikums vor Faszination. Eine unglaubliche Welt wird einem offenbart. Großartig.“ - Romina Rothmeier (18) aus Ebsdorf

„Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll.“ - Daniel Falkner (28) aus Marburg

„Ein tolles Erlebnis, diesen Film sehen zu dürfen.“ - Katharina Wellner (17) aus Beltershausen

„Alles, was von einem Baz-Luhrmann-Film zu erwarten ist“ - Yvonne Gajer (33) aus Marburg

„Dekadenz der 20er Jahre. Großartig.“ - Waltraud Schäfer (54) aus Marburg

„Wer Moulin Rouge mag, wird Gatsby lieben.“ - Eva Losekant aus Cölbe

„Weltliteratur sehr gut verfilmt.“ - Mona Schmid aus Marburg

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