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Klassiker gekonnt modernisiert

Goethes „Iphigenie auf Tauris“ Klassiker gekonnt modernisiert

Bei König Thoas bleiben? Oder lieber doch mit dem geliebten Bruder in die 
 alte Heimat Mykene zurückkehren? Eine knifflige Frage, auf die es derzeit im Stadttheater Gießen die Antwort gibt.

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König Thoas (Roman Kurtz) wirbt um Iphigenie (Carolin Weber).

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Am Stadttheater Gießen stand am Samstagabend die Premiere von Johann Wolfgang von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ in einer Inszenierung von Regisseur Wolfgang Hofmann auf dem Spielplan. Der Schlussapplaus war kräftig. Kein Wunder eigentlich, denn Hofmann zeigt eine Version, die das Drama moderat modernisiert, ihm dabei allerdings keine Gewalt antut. Dies gelingt vor allem dank guter Schauspieler.

Erschienen ist das Drama des Dichterfürsten 1787, hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings schon zahlreiche Überarbeitungen hinter sich. Inhaltlich dreht sich das Stück, das weniger durch Aktion, sondern durch Monolog und Dialog gekennzeichnet ist, um Goethes Idealbild des Menschen, das mit verbreiteten Vorstellungen der Zeit korrespondiert.

Theaterkunst auf sehr hohem Niveau

Man könnte es beschreiben als Suche nach der ausgewogenen Harmonie zwischen Wollen und Sollen, die am Zielpunkt angekommen in vollkommener menschlicher Größe gipfelt. An diesem Gehalt knüpft Hofmann an. In einer gekürzten Form bleibt er dem Text von Text praktisch treu, vollzieht allerdings eine ganz feine Phasenverschiebung, die vom Allgemeinmenschlichen des Stücks abrückt und auf die Psychologie des Personals fokussiert.

Es gelingt dem Regisseur und den Seinen famos, die menschliche Entwicklung als individuelle innere und äußere Konflikte der Figuren zu erzählen. Dazu konzentriert sich die Truppe auf den emotionalen Subtext von Goethes Klassiker, schafft mit Mimik, Gestik und durchdachter Bewegung im Bühnenraum einen neuen Zugang zum Stoff.

Das ist Theaterkunst auf sehr hohem Niveau. Unterstützt wird sie durch ein intelligentes Bühnenbild von Lars Peter, der ein klassizistisches Interieur mit Attributen eines modernen Wartesaals, mit ein wenig Stacheldraht und einem Wasserbassin kombiniert und den Gehalt des Stückes so gekonnt visuell pointiert.

Thoas als verletzter Machtmensch

Das tun auch Peters Kostüme, die den Platz der einzelnen Figuren im Dramengefüge unterstreichen. Vor allem lebt die Inszenierung aber von der Leistung des Schauspielensembles, bei der Carolin Weber als Iphigenie besonders hervorsticht. Es ist einfach meisterlich, wie es Weber allein durch Betonung und nonverbale darstellerische Mittel gelingt, ihre Figur nicht in erster Linie als Priesterin der Diana, sondern als einsamen Menschen in seinem Alltag an einer fremden Küste darzustellen.

Die innere Zerrissenheit zwischen Heimweh, der Verbundenheit zur neuen Heimat Tauris, der Liebe zum Bruder und zu König Thoas wird förmlich spürbar. Als Orest macht Lukas Goldbach eine gute Figur. Man leidet mit dem Sohn von König Agamemnon, der aus Rache die Mutter umgebracht hat und erst durch das Treffen mit Schwester Iphigenie vom Wahnsinn befreit wird.

Und auch mit König Thoas leidet man. Von Roman Kurtz gekonnt als verletzter Machtmensch angelegt, schafft es der Schauspieler mit seiner guten Darstellung, den inneren Zwiespalt zwischen Liebe zu Iphigenie, gekränkter Eitelkeit und letztlich vernunftgeprägter Menschlichkeit auf die Rampe zu bringen.

Vervollständigt wird die beachtliche Ensembleleistung durch Maximilian Schmidt und Rainer Hustedt, die als Pylades und Arkas ebenfalls auf ganzer Linie überzeugen. Regisseur Hofmann und seine Truppe zeigen nichts weniger als den gelungenen Transfer eines großen Klassikers ins Hier und Jetzt.

  • Weitere Aufführungen am 4. und 16. Oktober, 6., 25. und 26. November, 20. Dezember, 8. und 22. Januar 2016 sowie am 5. Februar jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus.
  • Informationen auch im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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