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Klassenzimmer wird zum Schlachtfeld

Stadttheater Gießen: „Frau Müller muss weg“ Klassenzimmer wird zum Schlachtfeld

Lehrer haben es schwer. Eltern aber auch. Das sind die zentralen Botschaften des Stücks „Frau Müller muss weg“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das derzeit auch als Kinofilm von Sönke Wortmann zu sehen ist.

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Elternabend auf der Theaterbühne: Frau Müller (Carolin Weber, rechts) wird beim Elternabend schließlich von Selbstzweifeln geplagt: Hat sie alles richtig gemacht?

Quelle: Katrina Friese

Gießen. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass sich das Stadttheater Gießen mit der Inszenierung von Intendantin Cathérine Miville ganz nah am Puls der Zeit bewegt. Am Sonntagabend war Premiere der Gießener Frau-Müller-Version, die reichlich Applaus bekam.

Kein Wunder, denn Miville hat ein feines Kammerspiel geschaffen. Es arbeitet den teils bissigen Humor rund um einen außerplanmäßigen Elternabend der 4b, bei dem Klassenlehrerin Müller als inkompetent abgesägt werden soll, ganz fein heraus.

Dazu rückt die Intendantin zunächst die typischen Klischees in den Vordergrund: Hier die fordernden Eltern, die ihre Kinder um jeden Preis aufs Gymnasium bringen wollen, dort die Lehrerin, die aus ihrer typischen und vermeintlich allwissenden Pädagogenrolle nicht heraus kann.

Carolin Weber brilliert als Frau Müller

Schon das führt zu höchst amüsanten Verwicklungen, die Lukas Noll in einem pointierten Bühnenbild verortet. Im Grunde genommen hat er ein Grundschulklassenzimmer nachgebaut, bei dem der Witz jedoch im Detail der Handlung liegt – etwa wenn Lehrerin Müller die Eltern in einen Stuhlkreis beordert oder im Gesprächsverlauf auf Schilder mit Klassenregeln wie „Wir schreien niemanden an“ verweist. Eine funktionale und die Handlung stützende Optik – so geht Bühnenbild.

Doch der Clou ist die Leistung der Schauspieler, denen es im Handlungsverlauf gelingt, authentisch zu zeigen, dass sich hinter den Klischees individuelle Lebensgeschichten verbergen, die es den Grundschulsprösslingen nicht einfacher machen. Allen voran Carolin Weber, die als Grundschullehrerin Sabine Müller eine beachtliche Leistung auf die Rampe bringt.

Zunächst hinter der typischen Lehrerrolle verborgen, gelingt es Weber zu verdeutlichen, dass sich hinter ihrem zunächst resoluten Auftreten manifeste Unsicherheiten und Gefühle verbergen, die den Lehrerjob zu einer schwierigen Aufgabe machen. Kriegen alle Kinder genug Aufmerksamkeit? Bin ich zu allen fair? Habe ich meine Aggressionen im Griff? Weber schafft es famos, dieses Dilemma auf die Bühne zu bringen und mit einer ordentlichen Portion Schrulligkeit ein ums andere Mal für Lacher zu sorgen.

90 Minuten ohne Denkpause

Beeindruckend ist auch Beatrice Boca als allein erziehende Mutter Katja Grabowski, deren Sohn Fritz zwar gute Noten schreibt, zu Hause aber nichts von seinen Problemen erzählt. Boca gelingt es, die emotionale Krise ihrer Figur glaubhaft darzustellen. Erst seit dieser Spielzeit am Stadttheater, kann man die Schauspielerin schon jetzt als echten Glücksgriff für das Haus bezeichnen.

Der Gegenentwurf zu Katja Grabowski ist die für einen Minister arbeitende Verwaltungsbeamtin Jessica Höfel, die Kyra Lippler als glasklar berechnende Pragmatikerin gibt und dabei zu überzeugen weiß. Ebenso wie Roman Kurtz als arbeitsloser Übervater Wolf Heider und Tom Wild und Marie-Louise Gutteck als Ehepaar Jeskow.

Die beachtliche Ensembleleistung ist das ganz große Plus dieser Inszenierung. Denn Miville vertraut voll auf die schauspielerischen Fähigkeiten ihrer Truppe und wird dafür reich belohnt. Genauso wie der Zuschauer, der witzige und nachdenkliche 90 Minuten ohne Pause erlebt. Prädikat: unbedingt hingehen!

  • Die nächsten Vorstellungen sind am 14. und 22. März, 1. April, 8., 17. und 24. Mai sowie am 3. und 10. Juli jeweils um 19.30 Uhr und am 14. Juni um 15 Uhr im Großen Haus. Mehr im Internet: www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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