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Der König des Trash-Soul hält Hof

King Khan im KFZ Der König des Trash-Soul hält Hof

Vorhang auf zu King Khans schrillem Soul-Zirkus: Der Kanadier mit Wahlheimat Deutschland lässt sich vielleicht am ehesten als radikale Vulgärausgabe von James Brown kategorisieren.

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Sekt statt Selters, Stretch und Fell statt Sakko: King Khan im fortgeschrittenen Stadium seiner Live-Performance im Marburger Kulturladen KFZ.

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Dass einer wie er für „Helge Schneider and the Fire­fuckers“ schwärmt, ist kein Wunder: In der Abteilung für skurrilen Humor ist King Khan ebenso zu Hause wie Mr. Katzenklo. Wer in etwa weiß, was man von einem Konzertabend mit „King Khan & The Shrines“ zu erwarten hat, kommt nicht primär wegen der Musik, sondern wegen jenes Gesamtkunstwerks Arish Ahmad Khan, der sich gänzlich unbescheiden zum König des Trash-Soul ernannt hat.

Seinen achtköpfigen Hofstaat macht der King schon äußerlich zur Narrentruppe: Er hängt den Bläsern alberne Capes um, setzt einen zottelbärtigen Alt-Hippie und einen afroamerikanischen Klimperklapperclown in die Rhythmusgruppe und leistet sich in Till Timm ­einen aufgedrehten Showgitarristen, der alle Choreos Pete Townsends und Keith Richards draufhat und es dabei zumeist für zweitrangig hält, welche ­Töne er aus seinem Pfandhaus-Brett der Marke „Harmony - fünf Minuten vor der Schrottpresse“ prügelt. Im Marburger­ KFZ lieferten „King Khan & The Shrines“ am Donnerstagabend eine schrille Show ab, in deren Verlauf der Spaß an zotigen Exzessen und politisch unkorrekten Einwürfen eindeutig im Vordergrund stand. Musikalisch bot die Band anarchischen Soulfunk mit deutlichen Anleihen an Motown- und Psychedelic-Tage - ideale Spielwiese für einen Bandleader, der im weißen Anzug schon schmierig ­genug aussieht, sein ganzes ­Talent jedoch erst im hautengen, bauch- und pobackenfreien Stretchfummel ausspielt.

Laut, schrill und provozierend

Leise gibt‘s nicht bei den Shrines: Wenn die Bläser mal gerade nicht auf „volles Rohr“ schalten, fegen sie über die Bühne und durchs Publikum und helfen dem Beat mit gefühlten 20 Schellentambourinen auf die Sprünge. Durchatmen also ist höchstens dann möglich, wenn der Chef mal wieder am Sekt nippt und sich in abseitige ­Gedankengänge versteigt: Darf man Leni Riefenstahl toll finden? Könnte diese Stadt reich werden, wenn sie sich in Marlboroburg umbenennen ließe? Sex mit Schildkröten? Irgendwo in diesem scheinbar kruden Gedankenuniversum steckt bei King Khan etwas höchst Politisches, wenn man es denn sucht. Die Botschaft: möglichst laut, schrill und provozierend weg von Mittelmaß und Massenverdummung. Man kann aber auch schlicht ein paar Stündchen albernen Spaß und einen Satz dicke Ohren mitnehmen von einem Abend wie jenem im Kulturladen, wo zunächst die Garagensurfpunks von „Catch As Catch Can“ aus King Khans Wahlheimatstadt Kassel die grobe Richtung abgesteckt hatten: Laut, schräg, hart, dreckig.

von Carsten Beckmann

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