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Kinder erobern die Festivalbühne

Hessische Kinder- und Jugendtheaterwoche Kinder erobern die Festivalbühne

„KUSS - Kuck! Schau! Spiel!“ lautet das Motto der Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche. So wurden neben den Aufführungen der Profis 89 Workshops in Schulen angeboten.

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Wieder volles Haus im Theater am Schwanhof: Gestern Nachmittag stellten 98 Kinder aus fünf Schulen ihre Workshop-Präsentationen vor.Foto: Uwe Badouin

Marburg. Zwei Standbeine hat das Festival: Es will Kindern und Jugendlichen unterschiedlichste Theaterformen über das Sehen und das Spielen nahebringen. Gespielt wurde in der vergangenen Woche überall an Schulen im Kreisgebiet. 89 Theaterworkshops für 1566 Schüler konnten in diesem Jahr angeboten werden - das Interesse war weit größer, doch die Mittel reichten bei weitem nicht für alle Gruppen.

Gestern Nachmittag stellten auf der Bühne des Hessischen Landestheaters fünf Schülergruppen kleine Produktionen vor, die sie in den vergangenen Tagen erarbeitet hatten. Und wie in den vergangenen Jahren war der Saal voll, war die Aufregung groß bei den 98 Kindern, die durchweg mit viel Applaus bedacht wurden. Zu sehen waren die 4. Klasse der Grundschule Wohra, die 2. Klasse der Waldschule Wehrda, zwei 6. Klassen der Stadtschule Biedenkopf, zwei 6. Klassen der Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain und eine Gruppe der Marburger Blista.

Gestern Vormittag kamen in der ausverkauften Black Box des Landestheaters jedoch erst einmal die Profis zum Zug: Das Berliner Theater Strahl war mit dem preisgekrönten Stück „Weißbrotmusik“ von Marianne Salzmann zu Gast. In einer eindringlichen Inszenierung von Nick Hartnagel erzählt „Weißbrotmusik“ von dem jungen Juden Aron und dem jungen türkischen Paar Nurit und Sedat. Sie alle haben zwar einen deutschen Pass, zu Hause fühlen sie sich in Deutschland aber nicht.

Auf einem kleinen, weißen Podest in der Mitte des Raumes wird die Geschichte der drei Jugendlichen in kurzen, intensiven Szenen beleuchtet, die von klassischer Musik getrennt sind. Nurit ist schwanger und liebt Sedat. Immer wieder gibt es Probleme mit den Müttern. Väter tauchen gar nicht auf. Im Publikum sitzt zudem ein agent provocateur à la Thilo Sarrazin, ein alter Mann, der über Muslime lästert und vom Mitarbeitern des Theaters zur Räson gerufen werden muss. Das ist so gut gespielt, dass es die Zuschauer sichtlich irritiert. Am Ende bricht sich die Aggression Bahn: Aron und Sedat schlagen den Rentner wegen einer Zigarette unvermittelt und brutal zusammen. Noch immer weiß das Publikum nicht genau: Ist das Theater oder echt?

Mit diesen Irritationen spielt „Weißbrotmusik“ auch in anderen, improvisiert wirkenden aber genau kalkulierten Szenen, wenn Jugendliche im Publikum direkt angesprochen werden. Zum Stück, das von einem Angriff auf einen deutschen Rentner in einer Münchner U-Bahn inspiriert wurde, gehört im Grunde auch die anschließende Diskussion, die deutlich machte, dass „Weißbrotmusik“ wohl keinen kalt gelassen hat.

Freiheit und Leidenschaft, Gerechtigkeitssinn und Rebellion - Themen, die junge Menschen schon immer berührt haben. In Friedrich Schillers „Die Räuber“ sind sie alle zu finden, und das Theaterhaus Ensemble aus Frankfurt zeigte am Donnerstagabend wie nah sie uns sind.

„Die Räuber“ sind Sturm und Drang in Reinkultur, Schillers erstes Stück, das bei der Uraufführung 1782 für einen Skandal sorgte. Soziale Ungerechtigkeit und die Kirche werden angeprangert, die Personen sprechen in - damaliger - Alltagssprache von ihren Gefühlen. Wie aktuell die Emotionen und Gedanken sind, beweist die Hör-Spiel-Performance „On Air: Die Räuber“, bei der die Schauspieler in Alltagskleidung hinter Mikros sitzen und in die Rollen der aufs Wesentliche verschlankten Handlung schlüpfen.

„Ach, nur ein Hörspiel“, seufzt ein junger Zuschauer zu Beginn enttäuscht, aber was die Frankfurter Theatergruppe bietet, geht weit darüber hinaus. Das hervorragende Ensemble spielt nämlich - auch wenn es „nur“ liest - sehr intensiv: Hör-Theater mit der Betonung auf „Theater“ trifft es besser.

Zumal nicht nur gelesen wird. Zwei Musiker performen einen Klangteppich, samplen die Stimmen und erzeugen so ein eindringliches Klanggebilde. Die Geschichte von enttäuschter Sohnesliebe, von Verrat und Intrige, von unbeirrbarer Zuneigung, Ehre und Tod kommt rasant und spannend daher, und das vorwiegend jugendliche Publikum folgt konzentriert.

Mit schrecklicher Zwangsläufigkeit rollt das Drama heran, und auch wenn Karl Moor am Ende mit seinem Freiheitsdrang und seiner Auflehnung gegen jede Obrigkeit scheitert, sind ihm doch die Sympathien der jungen Zuschauer sicher.

Friedrich Schiller cool und knackig, ganz weit weg vom gelben Reclam-Heftchen - so sollte es eigentlich immer sein. Am Ende gab es ganz viel Applaus.

Das Festival endet am Samstag, 5. April, mit „Träume Träume“ (16 Uhr, ab 4) und mit der Preisverleihung und dem Stück „Heiße Wammer“ (19,30 Uhr, ab 14).

von Uwe Badouin und Heike Döhn

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