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Kann man von Psychopathen lernen?

Der Psychologe Kevin Dutton Kann man von Psychopathen lernen?

Sie werden oft mit kaltblütigen Monstern gleichgesetzt und liefern Stoff für Horrorfilme - Psychopathen. Kevin Dutton glaubt, dass auch erfolgreiche Anwälte oder Börsenmakler psychopathische Eigenschaften haben.

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Kevin Dutton erklärt den Unterschied zwischen „erfolgreichen“ und erfolglosen Psychopathen. Foto: Paul Robert Williams /dtv

Marburg. Hannibal Lecter gilt als eines der größten Monster der Filmgeschichte. Nicht nur im Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ hat er Menschen kaltblütig gequält und ermordet. Dass man von Psychopathen wie ihm dennoch etwas lernen könne, meint zumindest Psychologe und Autor Kevin Dutton. In seinem Buch „Psychopathen - Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann“ beschreibt er die Eigenschaften, die einen Psychopathen ausmachen. Und stellt eine gewagte These auf: Seiner Ansicht nach haben erfolgreiche Anwälte, Chirurgen, Börsenmakler und Sondereinsatzkräfte des Militärs viel mit Psychopathen gemein und seien erst durch ihre psychopathischen Eigenschaften so erfolgreich geworden.

Skrupellosigkeit, Charme, Fokussiertheit, mentale Härte, Furchtlosigkeit, im Augenblick leben und handeln. Das sind laut Dutton die Charakterzüge, die einen Psychopathen ausmachen. Wenn nur einige dieser Merkmale stärker ausgeprägt sind als beim Rest der Bevölkerung, können diese Eigenschaften laut Dutton großen beruflichen Erfolg und herausragende Fähigkeiten mit sich bringen.

Das nennt Dutton die erfolgreichen Psychopathen. Unter Druck blieben diese ruhig, weil sie das Gefühl der Angst nicht kennen. Wenn alle psychopathischen Eigenschaften allerdings voll ausgeprägt seien, seien die Betroffenen sehr wahrscheinlich in einer Psychiatrie anzutreffen und gefährlich, wie die sogenannten erfolglosen Psychopathen.

Duttons Buch erweckt den Eindruck, dass es von erfolgreichen Psychopathen nur so wimmelt: an der Börse beispielsweise. Dort seien diejenigen erfolgreicher, die mehr Risiko eingingen und einen Millionenverlust ohne Emotionen wegsteckten. Auch für Chirurgen seien psychopathische Eigenschaften von Vorteil: Ruhig bleiben, auch wenn es um Leben und Tod geht. Gleiches gilt laut Dutton für Sondereinsatzkräfte des Militärs, die auch in bedrohlichen Situationen die Nerven behalten müssen. Etwas mehr Kaltschnäuzigkeit würde dem Otto Normalverbraucher nicht schaden, lässt sich aus Duttons Buch herauslesen.

Dutton erklärt den Unterschied zwischen „erfolgreichen“ und „erfolglosen“ Psychopathen mit Hilfe eines Vergleichs: „Psychopathische Merkmale sind wie die Stellknöpfe und Schieberegler an einem Mischpult. Wenn man alle auf maximal stellt, kommt ein Soundtrack heraus, mit dem keiner etwas anfangen kann.“ An anderer Stelle vergleicht Dutton die Psychopathie mit einem Sportwagen, bei dem es darauf ankomme, wie man ihn fahre. Die gewollt lockere Sprache des Buchs wirkt in einigen Abschnitten unpassend, wenn man bedenkt, was für grausame Taten Psychopathen begangen haben.

Manche Leser dürften über den einen oder anderen Vergleich stolpern oder sich daran stören, wenn Dutton seine Leser direkt anspricht und sich selbst in der „Wir“-Form mit einbezieht. Mit vielen Studienergebnissen, Beispielen und Zitaten ist das Buch inhaltlich aber interessant und lehrreich. Vor allem ermöglicht es einen neuen, differenzierten Blickwinkel auf die, die oftmals als „Monster“ über einen Kamm geschoren werden: Psychopathen.

Kevin Dutton: „Psychopathen - Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann“, Deutscher Taschenbuch Verlag, 320 Seiten, 14,90 Euro

von Elena Zelle

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