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Kaiserwetter für den „Hauptmann von Köpenick“

Theaterpremiere Kaiserwetter für den „Hauptmann von Köpenick“

Bei strahlendem Sonnenschein sahen mehr als 600 Zuschauer am Mittwochabend die Premiere von „Der Hauptmann von Köpenick“. Den größten Applaus gab es für Hauptdarsteller Manfred Gorr und Christin Deuker.

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Quelle: Tobias Hirsch

Amöneburg. Produzent Michael Deuker und sein Team von dem Gemündener Unternehmen Depro Concert haben nach dem mehr oder weniger erzwungenen Umzug von Rauischholzhausen einen idyllischen Standort für ihre ersten Amöneburger Schlossfestspiele gefunden: Gespielt wird direkt an der alten Festungsmauer. Doch obwohl der Blick weit hinaus ins idyllische, mit Dörfern gesprenkelte Amöneburger Becken schweift, kann der Spielort mit der Kulisse des Rauischholzhäuser Schlosses nicht ganz mithalten.

Regisseur Peter Radestock und sein Ausstatter Axel Pfefferkorn, zwei erfahrene Theaterprofis, machen das Beste aus der Situation. Pfefferkorn hat schöne Kulissen auf die Spielfläche gesetzt: Das Rathaus von Köpenick mit Ratskeller, eine Wohnung, eine Polizeistation und eine Schneiderei. Bis zum 7. Juli kämpft dort der Schuster Wilhelm Voigt seinen aussichtslosen Kampf gegen die preußische Bürokratie.

Bekannt wurde dieser Schuster durch seinen Überfall als verkleideter Hauptmann mit einem Trupp gutgläubiger Soldaten auf das Rathaus von Köpenick. Carl Zuckmayer hat diese wahre Geschichte aus dem Jahr 1906 in seiner Mischung aus Sozialdrama und Komödie für das Theater verarbeitet. War schon der reale „Hauptmann“ für viele Zeitgenossen ein gefeierter Held, so wurde Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ zu einem der erfolgreichsten Stücke des Dramatikers.

Stück über Kaiserzeit und Gegenwart

Der Komödiant Peter Radestock schätzt solche Milieustücke, die viel verraten über das Leben der Kaiserzeit und ein Stück weit auch über die Gegenwart. Trotz der Überzeichnung vieler Figuren setzt er nicht auf schenkelklopfenden Humor. Vor allem seinem Hauptdarsteller Manfred Gorr lässt er viel Raum, die Figur des Schusters zu entwickeln, der einen Großteil seines Lebens im Gefängnis verbringt. Gorr spielt den Schuster Voigt großartig als gebeugten Mann, dem das Schicksal in Form sturer Bürokraten übel mitspielt. Erst als er in die Hauptmanns-Uniform schlüpft richtet er sich auf. Alle sehen in ihm nie den Menschen auf der Suche nach einem friedlichen Leben. Alle sehen nur die Uniform - und beugen sich.

Große Szenen hat auch Christin Deuker, die Tochter des Produzenten. Die ausgebildete Musical-Sängerin, die demnächst wieder im Hamburger Ohnsorg-Theater zu sehen sein wird, spielt wie alle anderen Darsteller gleich mehrere Rollen. Zudem bekommt sie viele Gelegenheiten ihre großen gesanglichen Talente zu präsentieren. Regisseur Radestock hat zahlreiche Lieder in das Stück eingestreut, die sowohl für Zeitkolorit sorgen als auch die Handlung kommentieren. Ihr Lohn: Immer wieder Szenenapplaus.

Radestock lässt sein Ensemble in sorgfältig ausgewählten Kostümen munter drauf los berlinern. Und sie alle machen das großartig. Mit Cathrin Bürger, David Gerlach, Stefan Gille, Markus Klauk, Michael Köckritz, Jochen Nötzelmann und Harald Schwamm hat er Profis gewonnen, die zu Marschmusik dieser Zeit souverän zwischen Karikatur und ernsten Momenten pendeln. Hinzu kommen neun bühnenerfahrene Statisten, die teilweise auch kleine Sprechrollen haben.

Preußischer Kadavergehorsam führt direkt zu Hitler

Und wenn David Gerlach in einigen Momenten gekonnt Adolf Hitler karikiert, dann wird auch Radestocks Intention klar: Der preußische Kadavergehorsam führte direkt in die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Am Ende greift der Regisseur mit einer surreal anmutenden Szene noch die Revuen auf, die unmittelbar nach Voigts Schelmenstück 1906 gespielt wurden.

Die starke Premierenleistung des Ensembles ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass das Team noch am Vormittag bei tropischen Temperaturen die Generalprobe absolviert hatte.

Die Schlossfestspiele Amöneburg können zu einem Renner werden, weil das schmucke Städtchen auch gastronomisch einiges zu bieten hat.

Karten für den „Hauptmann von Köpenick“ gibt es unter anderem in den OP-Geschäftsstellen im Schlossberg-Center und im Franz-Tuczek-Weg sowie unter der Rufnummer 06453 / 912470 und im Internet unter www.depro-concert.de.

von Uwe Badouin

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