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„Jedes meiner Lieder ist politisch“

Beate Lambert sind für Edward Snowden „Jedes meiner Lieder ist politisch“

Die meisten kennen sie von Kinder- und Begegnungskonzerten. Heute singt Beate Lambert in Berlin - für den Whistleblower Edward Snowden und zeigt eine ganz andere Seite von sich.

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Peter Becker und Beate Lambert singen gemeinsam die „Ode an die Freude“Foto: Helena Weise

Marburg. „Freiheit allen, die es wagen, mit dem Herzen klar zu sehn! Allen, die die Wahrheit sagen und dafür aufs Ganze gehen.“ Beate Lambert sitzt mit ihrer Gitarre auf dem Schoß in ihrem gemütlichen Wohnzimmer in der Weidenhäuser Straße und singt. Sie ist in ihrem Element.

Nur eines ist anders. In ihrem Lied geht es diesmal weder um Lisas Abenteuer noch um den Meckertroll – sondern um Edward Snowden, der mit seinen Enthüllungen den US-Geheimdienst NSA und einige Regierungen in Turbulenzen stürzte.

Noch ist die Musikerin nicht fertig, manches gefällt ihr nicht. Aber was sie mit ihren Liedern ausdrücken will, weiß sie. „Hier wollte ich eigentlich Scheißsystem statt Zwangssystem schreiben“, sagt sie ungerührt. „Aber das kann ich wohl nicht machen.“ Viel Zeit, um sich das zu überlegen, hat sie nicht mehr.

Denn heute wird in Berlin der Whistleblower-Preis verliehen. Den gibt es nicht erst seit der US-Amerikaner Snowden die massenhafte Ausforschung und Speicherung von Kommunikationsdaten durch westliche Geheimdienste öffentlich machte. Der Preis wird seit 1999 jedes zweite Jahr von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA) und der Transparency International Deutschland an Persönlichkeiten verliehen, die in ihrem Wirkungskreis „schwerwiegende, mit erheblichen Gefahren für Mensch und Gesellschaft, Umwelt oder Frieden verbundene Missstände aufgedeckt haben“.

Beate Lambert will alle Leute zum Singen bringen

Beate Lambert singt an diesem Abend vor 300 Gästen, unter denen mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Kind sitzen wird. Das rote Kostüm mit der schönen großen Ansteckblume wäre wohl fehl am Platz.

Eine Herausforderung für Beate Lambert? „Ich will unbedingt alle Anwesenden zum Singen bringen!“, nimmt sie sich vor. „Klar ist es eine seriöse Veranstaltung, aber deswegen können die Leute doch trotzdem miteinander singen.“

Wie kam es dazu, dass die Kinderliedermacherin aus Marburg heute zu dieser Preisverleihung fährt? Peter Becker, Jurist und der zweite Vorsitzende von Lamberts Verein „Einfach singen“ kennt die Sängerin schon lange. „Sie ist ein sehr politischer Mensch“, sagt er. „Während der Montagsdemos gegen Atomenergie hat sie zusammen mit den Massen regelmäßig ihr Lied ,Abschalten‘ gesungen.“

Auch aus diesem Grund schlug er sie den Organisatoren für die musikalische Gestaltung des Abends vor – und fragte sie eine Woche vor der Preisverleihung. „Ich habe sofort nein gesagt“, lacht die Künstlerin. „An dem Tag ist nämlich mein 50. Geburtstag. Aber dann dachte ich: Du bist blöd, das ist ein Geschenk des Universums!“

Also fing sie an zu schreiben. Eine Woche Zeit für das beste Lied aller Zeiten. So hatte sie es sich jedenfalls vorgenommen. „Unter diesem Druck habe ich nichts hinbekommen“, erzählt sie. „Dann habe ich angefangen, ein schlechtes Lied zu schreiben und mich nach und nach vorgearbeitet.“

„Ode an die Freude“ für Snowden umgedichtet

Mittlerweile ist sie fast zufrieden. Die „Ode an die Freude“ von Schiller hat sie teilweise umgedichtet, das Lied „Edward Snowden“ selbst komponiert. Und die Texte sprechen ihr aus dem Herzen.

„Ich bin immer politisch“, sagt sie. „Ich habe immer eine Botschaft. Sogar in meinen Kinderliedern.“ Sie ist überzeugt, die Menschen würden ihr sonst gar nicht zuhören.

Auch Peter Becker ist von Text und Inhalt überzeugt. „Ich habe den größten Respekt vor Edward Snowden, der Preis ist absolut verdient. Für mich übertrifft er sogar Daniel Ellsberg, der zu Zeiten des Vietnam-Kriegs die ,Pentagon-Papers‘ an die Washington Post gegeben hat.“ Die Nixon-Regierung reagierte mit massiven Einschränkungen der Pressefreiheit und der persönlichen juristischen Verfolgung Ellsbergs. Die Veröffentlichung der Dokumente habe damals in ganz entscheidendem Maße zur Enthüllung der Hintergründe des Vietnam-Krieges beigetragen, betont Becker.

Die Preisvergabe heute Abend soll der Forderung an die Bundesregierung Nachdruck zu verleihen, Snowden einen Aufenthalt in Deutschland anzubieten.

Snowden weiß von dem Preis. „Wir sind über seinen Anwalt in Kontakt getreten“, erklärt Becker. „Snowden hat sich sehr gefreut. Greenwald, der Mitarbeiter des Guardian, der die Dokumente veröffentlicht hat, ist während der Veranstaltung sogar per Skype zugeschaltet.“

Für Beate Lambert ist es damit noch nicht getan. Sie will auf ihrer Homepage eine Spendensammlung einrichten und mit dem Geld eine CD mit den Liedern der Veranstaltung produzieren. „Ich würde mich freuen, wenn Edward Snowden sie irgendwann einmal hört.“

von Helena Weise

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