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„Jeden Tag geht ein Millimeter Mensch verloren“

„Wenn aus Wolken Spiegeleier werden“ „Jeden Tag geht ein Millimeter Mensch verloren“

Carolus Horn war ein Gigant der Werbegrafik – bis er an Demenz erkrankte. Die Ausstellung „Wenn aus Wolken Spiegeleier werden“ in der Sparkassen-Hauptstelle in der Universitätsstraße zeigt den erschütternden Verlauf der Krankheit anhand seiner Bilder.

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Aus Wolken werden Spiegeleier. Die Demenz veränderte die Kunst von Carolus Horn.

Marburg. Landrätin Kirsten Fründt, Schirmherrin der Ausstellung, begrüßte die Gäste der Vernissage am Donnerstagabend. Fründt betonte, Demenz sei zwar ein Thema, das viele ängstige, das aber in einer alternden Gesellschaft unbedingt  diskutiert werden müsse. In Deutschland leiden schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen an der Krankheit.

Den Eröffnungsvortrag hielt Kurator Dr. Jörg Eberling. Der Künstler und Werbegrafiker Carolus Horn wurde 1921 in Wiesbaden geboren und starb 1992 in Laubach. Er war ein Star der deutschen Werbebranche vor allem in der Zeit des Wirtschaftswunders und schuf sehr erfolgreiche Kampagnen für Esso, Opel und die Deutsche Bahn. Mit 60 Jahren erkrankte er an Demenz.

Diagnose wird 1985 gestellt

„Jeden Tag geht ein Millimeter Mensch verloren“, erläuterte Dr. Eberling, der auch das Krankheitsbild der Demenz ganz allgemein erklärte. Er zeigte zunächst die Bilder des „genialen Werbegrafikers“. Dann schleicht sich deutlich sichtbar die Krankheit ein. Ab 1981 werden Horns Bilder immer gröber und dunkler, der Künstler malt immer weniger. Er wird depressiv und zieht sich zurück.

1985 wird die Diagnose Alzheimer gestellt, und von da an kehrt wieder etwas Farbe in die Werke Horns zurück. Allerdings werden die Bilder noch einfacher, die Proportionen stimmen nicht mehr. Horns Ehefrau Tilde hat den Künstler immer wieder ermuntert, weiter zu malen.

Horn ändert seine Maltechnik, die Dreidimensionalität funktioniert nicht mehr, auch werden die Gesichter zunehmend naiver. Am Ende der Erkrankung erinnern seine Darstellungen an einfache Kinderbilder, auf dem vorletzten Bild sind nur noch Bleistiftkritzeleien zu erkennen. Horn hat es mit dem Stift in der Faust gemalt. Er konnte zu diesem Zeitpunkt kaum noch sprechen und sich nicht mehr orientieren.

Malteser suchen ehrenamtliche Helfer

Bei der Vernissage gab es noch ein Fachgespräch mit dem Mediziner Dr. Maxim Zavorotnyy, Nicole Ofer, der Koordinatorin des Malteser-Demenzdienstes, und Werner Kißling, einem ehrenamtlichen Demenzbegleiter der Malteser Marburg. „Vergesslichkeit gehört zum Leben. Kritisch wird es, wenn die Gedächtnisstörungen stärker werden und der Mensch sich verändert“, sagte Dr. Zavorotnyy.

Nicole Ofer berichtete aus dem Café Malta der Malteser (Schützenstraße 28), wo Demenz-Patienten betreut werden können, und Werner Kißling erzählte aus seiner täglichen Praxis mit den Kranken. Die Malteser suchen noch weitere ehrenamtliche Helfer.

Die Ausstellung dauert noch bis zum 26. November und ist zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag bis Freitag 8.30 bis 16 Uhr, Donnerstag 8.30 bis 17.30 Uhr.

von Bettina Preussner

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