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Irgendwie ist nichts in Ordnung

Landestheater: Theaterjugendclub Irgendwie ist nichts in Ordnung

Es geschehen merkwürdige Dinge „Auf der Greifswalder Straße“. Der Theaterjugendclub des Hessischen Landestheaters zeigt das Stück von Roland Schimmelpfennig in Marburg.

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Es passiert viel in den 24 Stunden „Auf der Greifswalder Straße“: Da schießen etwa drei Rumänen die Sonne ab, die einfach am Himmel stehen bleibt.

Quelle: Joscha Mengel

Marburg. Was, wenn Du nur noch 24 Stunden hättest? 
24 Stunden auf der Greifswalder Straße. „Biene komm her!“ schallt es zu Beginn durch die Black Box im Hessischen Landestheater. Einem Mann ist der Hund entwischt. Ein Hund, der vielleicht auch ein Wolf war – wer weiß das schon so genau. Ein Hund, der eine junge Frau beißt, die sich in einen Wolf verwandelt und totgeschlagen wird.

Sie ist nicht die Einzige, die attackiert wird oder ihr Leben lassen muss. Gemüsehändler 
Rudolf wird im Traum gewarnt: „Hüte Dich vor der Giraffe.“ Dann steht Aushilfe Maika vor ihm, das besagte „lange Mädchen“, das auf der Stelle sein Herz stiehlt und ihm später das Leben nimmt, weil er sein Liebesgeständnis nicht zurücknehmen will. Drei Rumänen schießen die Sonne ab, die um halb acht einfach am Himmel stehen bleibt. Ein Mann versucht, den Sprachen in seinem Kopf Einhalt zu gebieten, die er selbst nicht versteht.

„Alles in Ordnung, alles normal?“

Simona kommt zu spät zur Arbeit – zumindest glaubt sie das. In Wahrheit ist sie längst tot und dann wundert sie sich, dass keiner mit ihr spricht. „Alles ist in Ordnung, alles ist normal“, versucht man sich an einer Stelle­ zu beschwören. Aber irgendwie ist nichts in Ordnung auf der Greifswalder Straße. Schlaglichtartig werfen die Szenen Mikroblicke in das Zwischenmenschliche und die Abgründe­ von Seele und Gesellschaft. „Wer hat das Vieh hier reingelassen?“ – das ist hier die Frage.

Die Inszenierung von Regisseurin Lene Dax, Schauspielerin am Hessischen Landestheater und Leiterin des Theaterjugendclubs, erinnert an ein Musikvideo: schnell geschnitten, voller bunter Details und stellenweise (im besten Sinne) kindlicher Verspieltheit – ein spannender Kontrast zu den düsteren Unterströmungen des Stücks. Die Arbeitsschürze im Gemüseladen ist ein Tutu, ein Monolog wird aus einem Prinzessinnenzelt heraus gehalten.

Babsi, die Besitzerin des Fotoladens (aus dessen Schaufenster eine installierte Kamera passenderweise automatisch alle paar Minuten ein Bild macht), sieht durch eine lange Papprolle aufs Geschehen. Die Spielfläche auf der Bühne ist weiß. Boden und Wand, drei Türen, zwei Hocker. An der Seite eine Straßenlaterne. Das ist der Raum, in dem die seltsamen Dinge, die Gefühle, die Dämonen nach den Menschen greifen können. Der Titel des Stücks dürfte nicht von ungefähr kommen.

Famoses Ensemble

Und so sehr man sich auch bemüht, so wenig man es möchte, dem Schicksal entkommen die Figuren irgendwie nicht. So verwundert es dann auch nicht, dass der junge Mann, dem ein silberner Löffel unter einer Baustelle buchstäblich in die Hände fällt, der Enkel des Mannes ist, dessen Querschläger den Besitzer des Löffels beim Einmauern einst umbrachte.

Das Ensemble ist famos: Marie Dieffenbach, Jonas Gerke, Milos Hesse, Julian La Pierre, Katharina Maurer, Marielle Mayer, Leon Muth, Paul Neumann, Martha Niemeyer, Paul Preisendörfer, Alexander Reith, Mona Schill, Merle Skzrypek und Johanna Verweyen zeigen jede Menge Spielfreude und holen sich am Ende der Premiere zusammen mit dem Team minutenlangen Beifall ab. Völlig verdient.

von Nadja Schwarzwäller

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