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Intrigen, Mord und ganz viel Dreck

OP-Buchtipp: Inger-Maria Mahlke: „Wie Ihr wollt“ Intrigen, Mord und ganz viel Dreck

Der Roman „Wie Ihr wollt“ von Inger-Maria Mahlke handelt von Mary Grey, Schwester der „Neun-Tage-Königin“ Jane Grey – ein finsteres, bitterböses Gesellschaftsbild aus dem England des 16. Jahrhunderts.

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Inger-Maria Mahlke wirft mit ihrem Roman einen bösen Blick auf das elisabethanische England.

Quelle: Gert Eggenberger / EPA, Berlin-Verlag

Das hätte Shakespeare sicher gefallen: Inger-Maria Mahlkes neues Buch „Wie Ihr wollt“. Die Ähnlichkeit mit dem Titel seines Lustspiels „Was Ihr wollt“ impliziert großes Theater mit dramatischen Verwicklungen und selbstbewussten Frauenfiguren.

So weit, so gut. Doch ist Mahlkes Roman alles andere als eine Komödie, ihr Humor ein bitterböser. Aus der Perspektive der modernen jungen Frau (Jahrgang 1977) setzt sie dem englischen Großmeister des geschliffenen Worts in ihrem Werk fragmentarische und grobe Sätze in einem Stoff seiner Zeit entgegen, dem 16. Jahrhundert.

Hauptperson in Mahlkes inzwischen drittem Buch ist die nicht nur historisch recht stiefmütterlich behandelte Mary Grey, eine Cousine von Königin Elizabeth I. und Schwester der glücklosen Jane Grey, die für neun Tage Königin und kurz danach kopflos war. Jene Mary Grey also, kleinwüchsig und der Überlieferung nach alles andere als eine Schönheit, hat es wegen ihrer äußerlichen Nachteile nicht leicht.

Schwestern, Eltern wie auch die meisten Leute am Hof übersehen und ignorieren sie. Und dann überrascht sie alle mit ihrer heimlichen Ehe, die eine Verbannung vom Hof zur Folge hat: Mary hatte ohne royale Erlaubnis geheiratet.

Scharfsinn und Selbstironie

Das junge Mädchen kommt kaum raus aus dem finsteren ungastlichen Asyl und vertreibt sich die Zeit mit dem Aufschreiben von Erinnerungen, die rund 20 Jahre zurückliegen und da wären unter anderem: die noch ungeklärte Thronfolge nach dem Tod Heinrich VIII. („der gewichtige Onkel“), die kurze Regentschaft seines einzigen Sohnes Edward („der blasse Cousin“), die Intrigen um die Macht zwischen Schwester Jane, Mary („die liebe Cousine“) und Elizabeth („die nicht ganz so liebe Cousine“), die wechselnden und jeweils staatlich diktierten Konfessionen und ihre zahlreichen Opfer unter der Herrschaft Marys und anschließend Elizabeths, die Rolle „der schottischen Cousine“ Mary Stuart, ja und die familiären Verwicklungen und Verbindungen der Tudors, Greys, Suffolks, Seymours, Brandons und, und, und.

Dass die kleine Mary äußerst scharfsinnig ist, bleibt allen, nur dem Leser nicht verborgen. Ihre Aufzeichnungen strotzen vor Ironie – und bitterer Selbstironie. Sie, die das intrigante politische System besser durchschaut als mancher direkt Involvierte, erkennt schließlich, dass sie selbst ein Teil dessen ist, was sie für erstrebenswert hält.

Besonders bissig sind ihre verbalen Balgereien mit ihrer Bediensteten Ellen, denn in dem Machtspiel zeigt sich der Konflikt zwischen Despotismus und Devotion besonders deutlich. Die geschriebene Fiktion um die historisch authentischen Gestalten (außer Ellen) zeigt dem Leser die düstere Seite des elisabethanischen Zeitalters. Kaum mal wird angedeutet, was (vor allem auch dank Shakespeare) für den Beinamen „Goldenes Zeitalter“ sorgt.

Beklemmende Atmosphäre ist Mahlkes Spezialität

Hingegen zeugen mottenzerfressene Wandteppiche, Ratten- und Mäusekot auf den Böden, stinkende, düstere oder auch zugige Räume von der Unbill jener Epoche, von der auch höher gestellte Persönlichkeiten nicht zwangsläufig verschont waren. Von den ins Fleisch schneidenden Korsetts oder Nackenschmerzen verursachenden schweren Hauben ganz zu schweigen. Nicht zuletzt sind Spermaflecken auf Kleidern auch Hinweise auf Notzucht und Missachtung der Frauen.

Die in Hamburg gebürtige und heute in Berlin lebende Mahlke versteht es gut, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Das hat sie bereits in ihrem Gegenwartsroman „Rechnung offen“ (2012) bewiesen – wenn ihr der Stoff in „Wie Ihr wollt“ dabei natürlich auch aus rein gesellschaftlicher Perspektive entgegenkommt. Diesen hat sie zweigleisig angelegt: Zum einen berichtet Mary aus der „Gegenwart“, dem Jahr 1571, zum anderen versucht sie in einer Art Tagebuch, ihre Erinnerungen für die Nachwelt zu konservieren. Bröckchenweise und in eigenwilliger Anordnung.

So eigenwillig wie auch der Titel, der natürlich ganz bewusst an Shakespeare angelehnt ist. Er suggeriert eine Wahl, tatsächlich aber drückt er Marys Unvermögen aus, sich gegen Umstände zu wehren, die ihr von der Gesellschaft und IHR (so schreibt sie stets über Elizabeth) aufgezwungen werden. Shakespeare hätte so viel Hintersinn sicher gefallen.

  • Inger-Maria Mahlke: „Wie Ihr wollt“, Berlin-Verlag, 272 Seiten, 19,99 Euro

von Frauke Kaberka

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