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Intensives Spiel fesselt das Publikum

"Leben des Galilei" Intensives Spiel fesselt das Publikum

Intensiv, spannend, gekonnt - Regisseur Stephan Suschke lässt Publikum und Darstellern mit „Leben des Galilei“ kaum Zeit zum Durchatmen. Am Samstag war im Fürstensaal Premiere - und sie war mitreißend.

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Noch bleibt Galilei (Michael Köckritz, Mitte) standhaft. Auch Andrea (Tobias M. Walter) und Federzoni (Tomas Huth) wollen die Auseinandersetzung mit der Kirche. Galileis Tochter Virginia (Ayana
Goldstein) dagegen ist entsetzt.

Quelle: Christian Buseck

Marburg. Regisseur Stephan Suschke ist ein Glücksgriff von Intendant Matthias Faltz. Im Frühjahr 2011 brachte der Ex-Intendant des berühmten Berliner Ensembles und heutige Schauspieldirektor am Main Franken Theater Würzburg mit dem wüsten „Baal“ sein erstes Bertolt-Brecht-Stück auf die Bühne des Hessischen Landestheater Marburg. In seiner Brecht-Reihe folgten „Der gute Mensch von Sezuan“, das Experiment mit dem „Fatzer“-Fragment und jetzt „Leben des Galilei“.

„Leben des Galilei“ ist eigentlich ein ziemlich sperriges Stück, weil es abstrakte Themen behandelt: die Verantwortung der Wissenschaft sowie Macht und Machterhalt. Suschke macht daraus ein intensives, unglaublich dichtes Kammerspiel, das die Zuschauer 95 Minuten lang fordert und dank einer überragenden Ensembleleistung keine Sekunde langweilt. Suschke greift zu einem eigenwilligen Regietrick und schickt zwei Galileis auf die Bühne: den „jungen“ Michael Köckritz und den „alten“ Jürgen Helmut Keuchel. Und es geht auf.

Regisseur wählt zweite Fassung Brechts

Die erste Fassung seines „Galilei“ hat Brecht 1939 im dänischen Exil verfasst - unter dem Eindruck einer erschreckenden wissenschaftlichen Entdeckung: Deutschen Wissenschaftlern war es gelungen, Uran zu spalten. 1946 schrieb er im amerikanischen Exil eine zweite Fassung: Die USA hatten eine Atombombe über Hiroshima abgeworfen. Diese Fassung hat Regisseur Stephan Suschke für seine Inszenierung gewählt.

Der geniale Mathematiker und Astronom Galileo Galilei (1564 - 1642) zerstört mit seinen Beobachtungen das seit der Antike vorherrschende Weltbild, wonach die Planeten und die Sonne an gläsernen Sphären befestigt sind, in deren Zentrum sich die Erde befindet. Damit gerät er in Konflikt mit der Kirche, die ihre Macht bedroht sieht und Galilei zwingt, seine Entdeckung zu widerrufen. Galilei beugt sich aus Angst vor der Folter.

Der gotische Fürstensaal entpuppt sich als idealer Spielort für dieses nach Ansicht von Suschke „sehr gotisch“ wirkende und zwischen 1609 und 1640 spielende Stück. Als Spielfläche dient ein kleines, nüchtern weißes Rechteck. Bedeckt ist es mit Glasgranulat, mit den zerschlagenen Himmelsscheiben. An den Kopfenden sitzen die zehn Darsteller, die keinen Rückzugsraum haben und mit Ausnahme von Michael Köckritz souverän in 29 (!) Rollen schlüpfen.

Nur wenige Requisiten

Ort, Zeit und Figuren der jeweiligen Szenen werden zur Einordnung über Lautsprecher angesagt. Requisiten gibt es in dieser strengen Inszenierung nur wenige, Stimmungen werden erzeugt durch eine geschickte Lichtregie, Michael Lohmanns beeindruckende Soundcollage, den äußerst geschickten Einsatz von Kostümen und Accessoires wie Perücken, Masken oder Handschuhen.

Und all das funktioniert großartig, weil dort zehn Darsteller auf der Bühne stehen, die dieses Regie-Konzept mit unglaublich intensivem Spiel stützen. Michael Köckritz spielt großartig den „jungen“ Galilei als Himmelsstürmer. Er zeigt aber auch eine ambivalente Figur: Für Geld biegt Galilei schon mal die Wahrheit.

Am Ende hockt der alte Galilei, eindringlich gespielt von Jürgen Helmut Keuchel, als gebrochener Mann in seinem Haus, ständig überwacht von der Kirche.

Tobias M. Walter ist blendend aufgelegt unter anderem als Galileis Schüler Andrea, ein glühender Verfechter der Wahrheit. Sebastian Muskalla zeigt - egal in welcher Rolle - sein großes komödiantisches Talent.

Weg zum Schloss lohnt sich

Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell und mit geradezu bestechender Selbstverständlichkeit auch die anderen Darsteller Ayana Goldstein, Annette Müller, Uta Eisold, Alexander Peller, Thomas Huth und Roman Pertl in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen. Insbesondere die Szenen, in denen Würdenträger der Kirche ihre Macht zeigen. Dafür gab es am Ende viel Applaus.

Diese Inszenierung lohnt den Weg hinauf zum Schloss. Sie dürfte einer der Renner dieser Spielzeit werden, zumal Brechts „Leben des Galilei“ bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Doch Achtung: Es gibt keine Bewirtung.

Weitere Aufführungen sind am 4., 5., 18. und 19. November sowie am 5., 6. und 27. Dezember um jeweils 19.30 Uhr im Fürstensaal des Landgrafenschlosses.

von Uwe Badouin

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