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Inszenierung arbeitet mit zwei Ebenen

Theatergruppe „unitedOff productions Inszenierung arbeitet mit zwei Ebenen

Früher wurde hier Wäsche gereinigt, jetzt spielt sich ein menschliches Drama in den leeren Räumen ab: 
In einer ehemaligen Reinigung in der Schulstraße zeigt die Theatergruppe „unitedOff productions“ das Stück „Hinter Glas“.

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Im Theaterstück „Hinter Glas“, das in einer ehemaligen Reinigung gespielt wird, ergänzen Videoeinspielungen das Spiel der Darsteller, wie hier Carsten Wilhelm.

Quelle: Ivory Day

Marburg. Es ist eine Koproduktion der Braunschweiger Theaterformation mit „german stage 
 service“ aus Marburg, und sie 
korrespondiert mit deren neuer Produktion „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“. 


Den beiden Stücken gemein ist, dass sie sich mit Aspekten von Flucht und Fremdheit befassen, die Mittel sind jedoch unterschiedlich – während die Marburger Theaterformation einen kaleidoskopartigen Blick auf das Thema geworfen hat, erzählt „Hinter Glas“ 
eine lineare Geschichte – aber auf sehr vielschichtige Art und Weise.

Der Braunschweiger Regisseur Dieter Krockauer wählt gerne 
ungewöhnliche Orte für seine 
Inszenierungen, und er setzt regelmäßig eine Live-Kamera ein, um mehrere Spielebenen und unterschiedliche Blickwinkel zu ermöglichen. Das ist ihm bei „Hinter Glas“ ganz besonders gelungen: Die Geschichte 
um die Zweckehe von Delia und Erik, einer Albanerin und 
einem deutschen Drogenabhängigen, ist ausgesprochen intensiv.

Schauspieler treten aus ihrer Rolle

In der provisorischen und beklemmend unbehausten Atmosphäre der leergeräumten Reinigung treffen sie aufeinander: die Frau, die eine Zukunft jenseits ihrer Heimat haben will und nur in der Ehe mit einem Deutschen ihre Chance 
sieht, der ausgebrannte Erik, der für Geld geheiratet hat, sich jetzt aber doch menschliche Nähe erhofft – und Markus, der Mann, der die Zweckehen vermittelt und daran gut verdient. Mit Delia hat er aber schon wieder neue Pläne, denen Erik im Wege steht. Dass Delia Eriks Tod nicht mehr wünscht, dass 
Gefühle entstehen, ist in der 
zynischen Welt von Markus nicht vorgesehen.

Die Inszenierung lebt von der Atmosphäre des Settings, dem hervorragenden Spiel der Darsteller und der zweiten Ebene, die die Kamerabilder erzeugen. Sie ermöglicht den Zuschauern Blicke in Räume, die eigentlich außerhalb des Blickfelds liegen, 
führen ihn zwischendurch auf die Straße und immer wieder ganz nahe heran an die Darsteller, fast unerträglich nahe an 
ihre Gesichter. Dass die Schauspieler zwischendurch aus ihrer Rolle treten, Elda Sorra beispielsweise plötzlich nicht mehr Delia ist, sondern von ihrer eigenen Ausreise aus Albanien erzählt, tut der Präsenz der Bühnenfiguren keinen Abbruch, so nahtlos schlüpfen die Akteure wieder in ihre Rollen, die sie mit beklemmender Kraft füllen.

Der Kreis des Publikums ist klein gehalten, so dass man ganz nah dran ist am Spiel, an der Geschichte und an den Figuren. Fast schmerzlich wünscht man sich ein gutes Ende für Delia und Erik und weiß doch schon vor dem kolportagehaft schrecklichen Ende, dass es keines geben wird – nur in einer letzten, utopischen Filmsequenz.

Albanien ist von der Bundesregierung zum sicheren Herkunftsland erklärt worden. Wozu Menschen getrieben werden, die dieses Land dennoch unbedingt verlassen wollen, davon erzählt „Hinter Glas“ mit künstlerischen Mitteln, die unter die Haut gehen.

  • „Hinter Glas“ ist noch am diesen Samstag ab 20 Uhr und am Sonntag ab 18 Uhr zu sehen. Weitere Aufführungen gibt es am 28., 29. und 30. September sowie am 1. Oktober ab 20 Uhr. Das Kartenkontingent ist beschränkt, bestellen kann man unter 06421/62582.

von Heike Döhn

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