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„In der Langeweile sehen wir die Zeit nackt“

Lesung von Rüdiger Safranski „In der Langeweile sehen wir die Zeit nackt“

Rüdiger Safranskis Bücher landen regelmäßig auf den Bestsellerlisten, er ist der bekannteste Philosoph der Republik. Am Sonntag stellte er sein neues Buch „Zeit“ vor.

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Der Philosoph und Bestsellerautor Rüdiger Safranski las am Sonntagvormittag im Café Vetter.

Quelle: Bettina Preussner

Marburg. Schon lange vor Beginn der Lesung saßen die Besucher dicht gedrängt im Café 
Vetter und warteten auf den berühmten Mann. Ludwig Legge 
von der Neuen Literarischen Gesellschaft begrüßte den Autor herzlich und wies darauf hin, dass Safranski seit zwei Jahrzehnten regelmäßig zu Gast in Marburg ist.

Freundlich lächelnd stieg der Schriftsteller aufs Podium und begann mit seinen Ausführungen, einer Mischung aus Vortrag und Lesung. Man hörte ihm gerne zu, denn er verstand es sehr gut, komplizierte Zusammenhänge klar und verständlich auszudrücken.

Der Philosoph begann seine Lesung mit dem Kapitel über die Langeweile. Sonst sei die Zeit durch Ereignisse zugedeckt wie mit einen Teppich, erklärte er. Aber „in der Langeweile sehen wir die Zeit nackt.“ Der 
Mensch decke die Zeit hektisch mit Ereignissen zu, allein mit sich selber halte er es nur schwer aus.

Die Zeit schafft Zwänge

Safranski ging auch auf die Rätselhaftigkeit der Zeit ein und stellte die Frage, wie lange die Gegenwart dauert. Moderne Hirnforscher haben herausgefunden, dass die bewusste Gegenwart nur sehr kurz dauert, nämlich drei Sekunden. Davor und dahinter dehnen sich Vergangenheit und Zukunft aus.

Mit dem Aufkommen der 
Uhren sei die Zeit vergesellschaftet worden, fuhr Safranski 
fort. Sie zwängten die Gesellschaft in ein Gerüst und üben seither große Macht auf das 
Zusammenleben der Menschen aus. In der Neuzeit sind die 
Uhren dominierend geworden, mit der Eisenbahn und den 
Maschinen hielten sie Einzug in den Alltag und gaben den Takt vor. In den Revolten des 19. Jahrhunderts zerschlugen die 
Arbeiter auch die Uhren über den Fabrikhallen.

Heute sei das Phänomen der Beschleunigung prägend, so der Philosoph weiter. Nur wer einen Zeitvorsprung habe, könne am Markt erfolgreich sein. Produkte veralten immer schneller, die Ereignisse beschleunigen sich, und die allgemeine Hektik greift um sich.

Die Zeit müsse ein Thema in der Politik werden, forderte Safranski, denn die Beschleunigung sei eine Erscheinung, die den Menschen nicht gut tue. Andererseits könnten wir mit der Zeit auch spielen. In erfüllten Augenblicken sei die Überwindung der Zeit möglich und der Menschheitstraum von der Ewigkeit erlebbar.

„Mit dem Tod werden wir nicht fertig“

Dies könne beispielsweise in der Kunst oder in der Liebe geschehen. In der anschließenden Diskussion griff ein Zuhörer den von Safranski angesprochenen „Skandal der Sterblichkeit“ auf. Der Besucher meinte, dass der Tod doch in Wirklichkeit eine Wohltat sei.

Dem widersprach der Autor 
und ergänzte: „Mit dem Tod werden wir nicht fertig.“ Schon immer hätten die Menschen an ein Weiterleben nach dem Tod geglaubt, so Safranski. Die Christen glaubten an eine Auferstehung von Leib und Seele, Platon hatte die Vision, dass nur die Seele unsterblich sei.

Rüdiger Safranski wurde 1945 geboren. Seine Bücher, darunter viele Biografien, wurden in 30 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zehn Jahre lang bestritt er zusammen mit Peter Sloterdijk im ZDF das „Philosophische Quartett“.

von Bettina Preussner

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