Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Impulsiver Jazzpianist mit sanfter Ader

Martin Tingvall im KFZ Impulsiver Jazzpianist mit sanfter Ader

Lange war der schwedische Jazzpianist im Trio unterwegs. Im KFZ spielte er am Freitagabend Stücke von seinen Solo-Alben „Distance“ und „En Ny Dag“.

Voriger Artikel
Der Marburger Andreas Steiger schafft es in „Battles“
Nächster Artikel
Vom Kinderkanal auf die große Kinoleinwand

„Auf dem Klavier kann man alle Register spielen – von minimalistisch bis gewaltig. Das gibt einem unglaublich viele Möglichkeiten“, sagte Martin Tingvall einmal. Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Es brauchte keine zwei Lieder um festzustellen, dass Martin Tingvall ein sehr impulsiver Jazzpianist ist. Mal führte der gebürtige Schwede­ beim Spielen seinen linken Arm hinter den Rücken, mal trat er mit seinem rechten Fuß weit aus, wippte auf und ab, von links nach rechts, bewegte den Kopf im Rhythmus und kniff dabei fest die Augen zusammen.

Tingvall wusste sein Publikum zu unterhalten - nicht zuletzt wegen der Anekdoten, die er zu seinen Liedern erzählte. „Utan Ström i Harare“ („Kein Strom in Harare“) etwa entstand während eines Konzerts mit seinem Jazz-Trio in Simbabwe. „Unser Bassist musste spontan auf einen E-Bass umsteigen, weil sein Instrument auf der Reise beschädigt wurde“, berichtete Tingvall. Als wäre das nicht schlimm genug gewesen, fiel während des Konzerts auch noch der Strom aus. „Das war das erste Mal, dass ich bei einem Konzert den Sternenhimmel gesehen habe.“

Weil durch den Stromausfall der E-Bass nicht mehr zu hören war, musste Tingvall umso kräftiger in die Tasten greifen. Entsprechend basslastig kam das Lied, das er auch am Freitagabend ohne sein Trio spielte, daher. „Das nächste Lied handelt von einer Frau, die ich noch nie getroffen habe“, sagte Tingvall. Wer daraufhin mit einem ­romantischen Stück über eine nie getroffene Liebe rechnete, wurde enttäuscht. Vielmehr handelt es sich bei Debbie um die Besitzerin eines Guesthouses in Jamaika, in dem Tingvall und seine Frau ihre Flitterwochen verbringen wollten. Weil sein Reisepass nicht anerkannt wurde, mussten sie wieder zurückfliegen - ohne Debbie kennengelernt zu haben. Debbie kenne er daher nur von Fotos aus dem Internet - stets sei sie dort mit ihren Hunden abgelichtet. Das daraufhin entstandene Lied „Debbie and The Dogs“ wirkt durch die vielen hohen Töne und das Staccato, das Tingvall dabei einsetzt, sehr fröhlich. Man kann sich beim Hören sehr gut vorstellen, wie Debbie mit ihren Hunden am Strand des Flitterwochen-Paradieses spielt.

Doch auch nachdenklich stimmende und sanfte Stücke gehören zu Tingvalls Repertoire. Mit seinem Album „Distance“ möchte er Brücken zwischen Menschen schlagen und ihnen ein Stück Alltagshektik nehmen. „Die Leute treffen sich durch Whatsapp kaum noch persönlich. Dadurch geht uns viel Zwischenmenschlichkeit verloren“, befürchtet er. „An Idea of Distance“, das Tingvall sanft und einfühlsam spielte, vermittelte­ eine ruhige Grundstimmung und lud die rund 270 Zuhörer zum Reflektieren ein. Damit präsentierte er eine andere, neue Facette, nämlich die ­ruhige ­Seite seines künstlerischen Schaffens.

von Ruth Korte

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr