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Immer schön schonungslos und ungnädig

Deutschen Kabarett-Preis 2010 Immer schön schonungslos und ungnädig

Zwar bekam jeder im Laufe des dreieinhalbstündigen Programms irgendwann den Spiegel vorgehalten, doch das hielt die 1.000 Fans in der ausverkauften Stadthalle nicht davon ab, am Ende stehend zu applaudieren.

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Ziemlich böse: Hagen Rether hielt seinem Marburger Publikum den sprichwörtlichen Spiegel vor – und verteilte anschließend seine Bananen.

Quelle: Schubert

Marburg. Im Januar hatte Hagen Rether seiner Sammlung eine weitere Auszeichnung hinzufügen können. Das Nürnberger Burgtheater verlieh ihm den Deutschen Kabarett-Preis 2010.

In der Begründung hieß es, er habe das Kabarett am und mit dem Klavier neu erfunden, ohne falsche Rücksichtnahme auf politische Korrektheit entlarve er mit bitterbösen Beispielen die allseits vorhandene Scheinheiligkeit und Doppelmoral.

Wie brillant er dies tut, im beiläufigen, beruhigenden Plauderton, aber mit überraschenden Wendungen und Themenwechseln, die vom Zuhörer ständige Aufmerksamkeit erfordern, erlebten am Freitagabend 1.000 Besucher in der Stadthalle. Und nahmen dabei, während sie lauthals lachten, manchmal nur unterschwellig wahr, dass sie über sich selber lachten: als Teile dieser medial bestimmten
politischen Gesellschaft, die den verbreiteten Botschaften und Erklärungen nur zu oft auf den Leim gehen, als Anhänger von Religionen oder als Fleischesser und Alkoholtrinker.

Bei seinem über ein Jahr zurückliegenden Auftritt in Marburg waren seine Anmerkungen zum Ende hin immer bitterer und zynischer geworden. Diesmal ging er eher umgekehrt vor – von Beginn an in die Vollen. „Jetzt befreien sich die Afrikaner auch noch, wer braucht denn so‘n Scheiß. Jetzt wird alles teuerer, der Kakao, der Sprit. Jetzt muss man die noch wie Menschen behandeln“, ätzte er und fügte hinzu, dass man sich um so viele anderen Dinge kümmern müsste, wie um Doktorarbeiten. Kein Gespür für Timing und unsere Befindlichkeiten hätten sie, die Afrikaner.

Rethers Held des vorigen Jahres ist Horst Köhler, denn der habe die Wahrheit gesagt: „Wir führen Wirtschaftskriege. Hat es uns in den letzten 30 Jahren interessiert, wie es der Zivilbevölkerung in Afghanistan geht, oder wie es den Frauen dort geht? Kein Stück“, sagte Rether und fragte, ob wir jetzt alle Länder bombardieren sollen, wo Frauenhasser an der Macht sind. „Da können wir 90 Prozent der Welt bombardieren, lasst uns mit Italien anfangen“, forderte er. Und warum man den Einsatz in Afghanistan jahrelang nicht Krieg nennen durfte, habe auch einen wirtschaftlichen Hintergrund – weil dann die Lebensversicherungen der Soldaten nicht zahlten.

von Manfred Schubert

Mehr lesen Sie am Montag in der Printausgabe der OP.

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