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Im dunkelsten Winkel der Seele

OP-Buchtipp: „In der Finsternis“ Im dunkelsten Winkel der Seele

Sandrone Dazieri hat ein Strickmuster aufgebrochen, mit dem auch italienische Krimiautoren seit Jahr und Tag erfolgreich gearbeitet haben. So schön er sein mag, der Regional-Krimi: Irgendwann erschöpft sich das Konzept „Stadt – Ermittler – Fall“.

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Sandrone Dazieris Thriller „In der Finsternis“ erscheint Anfang März im Piper-Verlag.

Quelle: Mario Tirelli

Klar, mit viel Lokalkolorit, einem geschiedenen, dem Essen und Trinken zugeneigten Ermittler und einem möglichst bizarren Mord in der tiefsten Provinz lässt sich in der Regel Auflage machen, doch anspruchsvolle Thriller-Literatur geht anders.

Etwa so: Ein Mann, eine Frau, beide aus unterschiedlichen Gründen ziemliche Psycho-Wracks, aber eben die beiden Hauptfiguren, die Ermittler, die Helden. Sandrone Dazieri legt mit „In der Finsternis“ einen Roman vor, den das italienische Feuilleton als „Reise in den dunkelsten Winkel der menschlichen Seele“ bezeichnet hat.

Elf Jahre im engen Betonverlies

Das ist eher noch eine Untertreibung, denn was Dante Torre in seiner Kindheit und Jugend erlebte, ist ein ebenso schrecklicher Albtraum wie die Vergangenheit, die die vom Dienst suspendierte Polizistin Colomba Caselli mit sich herumträgt.

Dante wurde als Kind gekidnappt und verbrachte elf Jahre in einem engen Betonverlies. Ihm gelang die Flucht, doch die seelischen Narben, die die Gefangenschaft bei ihm hinterließ, machten aus Torre einen zutiefst verstörten Außenseiter. Doch er hat während seiner Gefangenschaft die Fähigkeit entwickelt, Menschen und ihre Motive zu „lesen“ und damit ihre Handlungen zu antizipieren.

Was zunächst Überlebensstrategie war, setzt Dante Torre ein, als Jahre nach seiner Flucht wieder ein kleiner Junge verschwindet – der Mann, den er selbst „Vater“ nennen musste, scheint immer noch sein Unwesen zu treiben, auch wenn die Ermittler immer davon ausgegangen waren, dass der Entführer ums Leben gekommen war.

Dazieri lässt sich viel Zeit damit, seinen Lesern zu verraten, dass es nicht nur um die Entführungen einzelner Kinder geht, sondern dass hinter Dante Torres Schicksal und dem vieler anderer ein diabolischer Plan steckt, der weit über die italienische Provinz hinausreicht.

Das Hässliche der menschlichen Existenz

Dazieris Plot ist bereits spannend genug, doch der in Italien populäre Literat, Lektor und Drehbuchautor verfügt auch über die stilistischen Mittel, die aus einer fesselnden Story einen ungewöhnlich dichten Roman machen. So gelingt dem aus Cremona stammenden Autor etwa das Kunststück, wenige Sekunden einer Bombenexplosion in einem Restaurant so detailreich und in Super-Zeitlupe zu erzählen, dass dieses Schlüsselereignis ein ganzes Kapitel füllt.

In allen Belangen also ist „In der Finsternis“ ein unkonventioneller Kriminalroman. Ein Buch, in dem sämtlichen Akteuren das Hässliche der menschlichen Existenz anhaftet, ob es nun gerade um die Opfer, die Täter oder die Ermittler geht. Hier gibt es keine Helden, keine Romanzen, keine Idylle – ein Noir-Thriller mithin?

Nein, dieses Genre hält Dazieri für tot: „Die Moral bestimmt im Noir-Genre das Buch, ein Thriller bedeutet dagegen Freiheit“, sagt der Autor, dessen Credo lautet: „Der Schriftsteller gibt einem die Geschichte, das Urteil bleibt dem Leser überlassen.“

  • Sandrone Dazieri: „In der Finsternis“, Piper Verlag, 560 Seiten, 19,90 Euro. Der Roman erscheint Anfang März, kann aber bereits vorbestellt werden. ISBN 978-3-492-05688-5

von Carsten Beckmann

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