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Im Bett mit den Verlierern

Theater Im Bett mit den Verlierern

Eine Zweck-WG am Rande des Nervenzusammenbruchs, drei Menschen in der Warteschleife - das sind Ina, Dirk und Stefan, die das Publikum in dem Stück „Money Song“ im Theater im G-Werk ganz nah an sich heranlassen.

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Zwischenlager Zweck-WG: Ina (Franziska Dick), Stefan (Thomas Georgiadis) und Dirk (Marco Wittorf) stecken fest.Foto: privat

Marburg. "Money Song“ ist die erste Koproduktion der Marburger Theatergruppe german stage service mit unitedOFFproductions aus Berlin. Die Berliner arbeiten in den Bereichen Theater, Hörspiel und Performance und befassen sich oft mit dem Bespielen ungewöhnlicher Räume und dem Einsatz von Video. Beides kam auch bei der Premiere von „Money Song“ auf beeindruckende Weise zum Tragen.

Schon gleich zu Beginn wird das Publikum hineingezogen in das Leben der drei Protagonisten. Denn Schauspielerin Franziska Dick kommt zu spät - oder ist es doch Ina, die angehetzt kommt und die Zuschauer mit in den Theatersaal nimmt. Der hat sich in das recht abgewrackte WG-Wohnzimmer verwandelt, in dem man auf Sofas und Stühlen Platz nehmen kann und von Ina mit Nüsschen und Mineralwasser bewirtet wird. Man ist Zuschauer und doch dabei, ganz nah sogar, denn Hendrik Schneller verfolgt die Darsteller mit der Kamera auch hinter die Bühne oder ins Freie, so dass man ihr „Privatleben“ auf der Leinwand verfolgen kann.

Den dreien geht es gar nicht gut. Sie haben keinen Job, kein Geld, und keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Stefan (Thomas Georgiadis) war mal eine große Nummer und ist nun völlig pleite, ebenso wie Dirk (Marco Wittorf) und Ina. Während Stefan sich in einen aggressiven Zynismus flüchtet, überschlägt sich Ina in hektischem Selbstmarketing. Dirk dagegen hat einfach die Nase voll und will gar nichts mehr machen - möglichst nicht mal mehr selbst essen und sich im Bett umdrehen.

Dirks Vision von der nachgiebigen und wenig selbstbestimmten Existenz als Qualle kann jeder nachvollziehen, der selbst schon im Strudel aus scheinbar unendlichen Möglichkeiten und angeordneter Flexibilität gestrampelt hat. Die Generation der Mitt-Dreißiger ist es gewohnt. sich immer neu zu orientieren, immer wieder von vorme anzufangen. Wer das nicht schafft, ist selbst schuld.

Rente mit 80 und Kasernierung für Versager ist Stefans Zukunftsvision, während Ina sich nur noch durch den Konsum völlig nutzloser Dinge definieren kann - Hauptsache, alles ist neu. Regisseur Dieter Krockauer hat für „Money Song“ einen treffenden, vielschichtigen und sehr unterhaltsamen Text jenseits von Betroffenheits-Theater geschrieben, in dem sich viele wiederfinden werden, auch wenn Krockauer seine Figuren überspitzt. Dabei ist man zwar nah am Geschehen, darf auch mal hinter die Bühne, in die deprimierend schlichten Schlafkammern der WG-Bewohner, und ihr Leben in Augenschein nehmen wie im Zoo.

Das erinnert sehr an „Big Brother“ und „Dschungelcamp“, wo der Reiz ja auch darin besteht, dass es einem so schlecht wie deren Bewohnern ja nun doch noch nicht geht.

Die Kamera erzeugt die Illusion von Intimität, bis zur Schmerzgrenze. Wollen wir wirklich sehen, wie Stefan sich im Klo in die Ecke kauert und seiner vergangenen Existenz nachtrauert oder Dirk apathisch im Bett liegt? Egal, wir sind dabei. Und obwohl man weiß, das das Ganze ja zum Spiel dazugehört, fühlt man sich mit einem gewissen Kitzel als Voyeur. Dabei ergänzen sich das Spiel auf der Bühne und die Bilder auf der Leinwand so, dass beides organisch zusammenwächst. Selbst außerhalb des Theatergebäudes, auf dem Parkplatz und im Garten, ist die Kamera dabei und lässt uns Zeuge werden.

Werden die drei sich wieder aufrappeln? Am Ende wünscht man es ihnen sehr. Denn sie sind dem Zuschauer trotz aller Neurosen und Gefechte doch ans Herz gewachsen.

Kluges und amüsantes Theater mit tollen Darstellern - zu erleben noch heute sowie am 16., 17., 18. und 19 Oktober, jeweils ab 20 Uhr.

von Heike Döhn

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