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Im Angesicht des Augenblicks

Aufführung dern Freien Waldorfschule Im Angesicht des Augenblicks

Ein Theaterstück, das zum Nachdenken anregt. Die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Marburg hat mit „Die Befristeten“ von Elias Canetti ein Stück aufgeführt, das anspruchsvoll ist, aber auch einige amüsante Momente bietet.

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Das Foto zeigt Lotte Eckstein und Sven Williges in einer Szene der Schulinszenierung von „Die Befristeten“, die stark durch Videoeinspielungen geprägt war.

Quelle: privat

Marburg. Wie wäre es, wenn man von Geburt an wüsste, an welchem Tag man stirbt? Macht dies das Leben wertvoller oder geht man plötzlich verschwenderisch damit um? Und gibt es einen Weg aus diesem Determinismus? Das sind diverse Fragen, die das Drama des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti aufwirft.

Eine Großstadt irgendwo auf der Welt, zu einem unbestimmten Zeitpunkt: Eine Frau und ein Mann unterhalten sich über eine vergangene Zeit, als die Menschen noch nicht wussten, wann sie sterben würden. „Das waren Wilde, Bestien“, meint die Frau fassungslos. Wie hatten sich die Menschen damals ihre Zeit produktiv einteilen können, ohne zu wissen, wie viel sie überhaupt haben würden? Ohne zu wissen, wann ihr Augenblick sein würde?

Augenblick, so nennen die Bürger heute den Moment, in dem sie sterben. Und der ist keineswegs unbekannt. Von Geburt an wissen sie, wie lange sie leben werden. Ihre Namen sind nach der Anzahl der Jahre benannt, die ihnen zustehen.

„Wir sind glücklich. Wir haben keine Angst“

Eine Kapsel unter ihrer Haut trägt das Datum ihrer Geburt und das ihres Todes, aber öffnen darf diese nur der Kapselan. Er alleine begutachtet nach dem Tod eines Menschen dessen Kapsel und bestätigt den vorbestimmten Todestag. Gleichzeitig stärkt er damit das System, auf dem die Gesellschaft aufgebaut ist. Aber kann man dem Kapselan wirklich vertrauen?

„Wir sind glücklich. Wir haben keine Angst, denn wir wissen, was uns bevorsteht“, schärft der Kapselan, der an einen Sektenführer erinnert, seinem Volk ein. Eine Frau namens Fünfzig, gespielt von Patricia Bier, bezweifelt das. Sie kann sich nicht damit abfinden, dass man keinen Einfluss auf den Zeitpunkt seines Todes nehmen kann.

In die abgestumpfte, scheinbar furchtlose neue Gesellschaft kann sie sich nicht einfügen. Denn vor was sollte man noch Angst haben, was sollte einen noch antreiben, wenn der Tod zum Alltag gehört, man ihn sogar im Namen trägt? Und wie können unbeschwerte Beziehungen geknüpft werden, wenn man weiß, dass der Liebste in einem Jahr sterben wird?

Düstere Stimmung bei spärlichem Bühnenbild

Durch ihre Nachforschungen setzt Fünfzig schließlich eine Revolution in Gang. Der in Bulgarien geborene Canetti, der sich zeit seines Lebens mit den Auswirkungen der Unausweichlichkeit des Todes befasste, beleuchtet die Möglichkeiten, vor allem aber die Risiken einer Gesellschaft, in der der Tod determiniert ist. Entstanden ist eine Dystopie, die den Zuschauer mit einem klammen Gefühl zurücklässt.

Die Schüler der 12. Klasse untermalen die Stimmung mit düsterer Musik und einem spärlichen Bühnenbild, das lediglich aus drei mobilen schwarzen Wänden und einer Leinwand besteht, auf der aufwändige Videos die verschiedenen Handlungsorte des Stückes präsentieren.

Amüsante Einschübe wie das Imponiergehabe einiger williger Männer lockern die ansonsten ernste Thematik auf. Die starke Performance von Patricia Bier und ihrem Widersacher, dem Kapselan (gespielt von Maxim Krabbe), tröstet über einige Längen hinweg. Dem knapp 150 Minuten dauernden Stück hätten einige Kürzungen und griffigere Dialoge dennoch gut 
getan.

von Selina Boucsein

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