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„Ich bin der Jesus des Kapitalismus“

Till Reiners beim Marburger Kabarettherbst „Ich bin der Jesus des Kapitalismus“

In der Poetry-Slam-Szene ist Till Reiners seit mehr als zehn Jahren eine feste Größe. Im KFZ präsentierte der 30-jährige Duisburger keine Reime sondern politisches Kabarett.

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Vom Poetry-Slammer zum Polit-Kabarettisten: Dem 30-jährigen Till Reiners scheint der Wechsel zu gefallen.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. „Mein Vater ist Berufspolitiker. Daher wurde ich schon in jungen Jahren mit Politik konfrontiert“, gesteht Reiners grinsend. 2009 wagte Reiners den Sprung vom Poetry-Slam zum Kabarett. Ein Sprung, der sich gelohnt hat: 2014 erhielt er den Förderpreis des Deutschen Kabarettpreises.

Der Wahl-Berliner ist zwar kein Wissenschaftler, dennoch beginnt der Abend mit einer Kurz-Umfrage des 30-Jährigen: „Wer SPD und Grüne noch für linke Parteien hält, hebe den Arm.“ Das Publikum blickte sich an, betretene Stille und regungslose Gliedmaßen. Leises Kichern beginnt. „Sehr schön, mit solchen Voraussetzungen arbeite ich am liebsten“, strahlt Reiners die 90 Zuschauer an. Illusionen solle man sich im 21. Jahrhundert schließlich keine mehr machen.

Insbesondere den Kapitalismus, ein schwer zu verfehlendes Lieblingsziel im politischen Kabarett, nimmt Reiners aufs Korn – vor allem dessen Risiken und Nebenwirkungen. So seien laut Reiners fünf Urlaubstage im Jahr völlig ausreichend, wenn man an diesen Tagen „Home Office“ mache. Außerdem müsse jeder, der nach drei Jahren Arbeitszeit nicht an „Burnout“ erkrankt sei, als „faule Sau“ verdächtigt werden.

Die meisten Wortsalven finden ihr Ziel

Der Leistungsdruck sei bei vielen Jobs fast unerträglich. Deshalb mimt Reiners für zwei Stunden Spielzeit den fleischgewordener Erlöser in Polo-Shirt und Jeans: „Ich nehme heute Abend euren Druck auf mich. Ich bin der Jesus des Kapitalismus!“ Auf der anderen Seite gäbe es auch Jobs, die man ohnehin nicht allzu lange ausüben könne, beispielsweise „professioneller Selbstmordattentäter“.

Denen sei laut Reiners zumeist eine sehr kurze aber „bombige Karriere“ sicher. Man sieht, manche Witze des Kabarettisten gehen haarscharf daneben. Doch keine Frage, der 30-Jährige schießt scharf und seine Wortsalven verfehlen selten das Ziel. Denn nicht nur „das System“ nimmt er ins Visier sondern auch dessen selbsterklärte Gegner – Umweltschützer und solche, die meinen es zu sein.

Scharfsinnig demaskiert der Kabarettist den Egoismus, Opportunismus und Moralismus einiger Umweltschützer und Systemkritiker. Wenn also bei Demos gegen unwürdige Hühnerhaltung mit Eiern geschmissen wird, kratzt sich Reiners am Kopf und fragt sich, ob der gesunde Menschenverstand bei der „Auktion Mensch“ bereits unter den Hammer gekommen ist.

Hörenswert ist auch der Gastauftritt des Marburger Poetry-Slammers Felix Lobrecht, ein Freund von Reiners, der sich mit üppigem Berliner Akzent über das große Dilemma des Studentenlebens auslässt – zu viel Freizeit.

von Benjamin Kaiser

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