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Hörerlebnis in der Dunkelheit

"Sinn" am Hessischen Landestheater Hörerlebnis in der Dunkelheit

Theater in absoluter Dunkelheit. Geht das überhaupt? Und wie kommen die Schauspieler zurecht. Und die Besucher?

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Die Schauspieler Julia Glasewald, Oda Zuschneid, Thomas Huth und Stefan A. Piskorz bleiben in „Sinn“ für die „Zuschauer“ unsichtbar.

Quelle: Fotos: Christian Buseck

Marburg. Marburg ist auch eine Stadt der Blinden. 1916 wurde in Marburg die Deutsche Blindenstudienanstalt gegründet - ihr erster Leiter hieß Carl Strehl, deren Namen die dazugehörige Schule heute trägt. Blinde sind im Marburger Stadtbild seither so präsent wie in kaum einer zweiten deutschen Stadt. Und doch bleibt Sehenden dieses Handicap fremd. Das „Theater in der Finsternis“ vermittelt zumindest eine Ahnung von dieser Erfahrung.

40 Menschen warten am Samstagabend im Historischen Schwanhof auf den Beginn der Vorstellung - mehr Besucher fasst das „Theater in der Finsternis“ nicht. Vorab klärt Dr. Christine Tretow, stellvertretende Intendantin des Hessischen Landestheaters, die Wartenden kurz auf: Handys sollten ausgeschaltet werden und man möge doch auch Uhren mit Leuchtziffern abdecken. Sollte sich jemand unwohl fühlen, möge er dies bitte laut sagen. Dann werde das Stück kurz unterbrochen, der Besucher hinausgeleitet.

Der bereits abgedunkelte Theaterraum - ein kleines Quadrat - ist komplett schwarz. Lehnenlose Hocker stehen verteilt im Besucherraum. Die Spielfläche, auf der sich die Darsteller in der Finsternis bewegen, zieht sich um den Besucherraum und ist mit Seilen abgetrennt. Markierungen auf dem Boden dienen den vier Darstellern Oda Zuschneid, Julia Glasewald, Thomas Huth und Stefan A. Piskorz als Orientierungshilfe - schließlich bewegen sie sich, unsichtbar für den Besucher, im Raum.

Die Besucher, darunter eine Frau mit einem tiefschwarzen Blindenhund, machen es sich bequem so gut es geht. Das Licht geht aus und es wird stockfinster. Nichts sieht man mehr, nicht einmal die eigene Hand. Das Spiel beginnt. Der Besucher wird zurückgeworfen auf andere Sinne, vor allem auf den Hörsinn. Zu hören ist das 2007 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführte Stück „Sinn“ der 1975 geborenen Autorin Anja Hilling. Sehr schnell wird dort in der Finsternis deutlich, welch enorme Bedeutung der Text bekommt, wenn kein Bühnenbild, keine Requisiten, keine Kostüme den Blick und die Aufmerksamkeit steuern.

„Sinn“ behandelt zentrale Jugendthemen: Liebe, Nähe, Sex. In fünf Szenen, die Hilling mit „Augen“, „Nase“, „Haut“, „Ohren“ und „Zunge“ betitelt, kreuzen sich die Wege von zehn Jugendliche auf der Suche nach Freundschaft, nach Liebe und nach Worten, um sich dem Gegenüber mitzuteilen. Regisseur Björn SC Deigner, ein Hörspielmacher und Musiker, setzt „Sinn“ als intensive Sprachcollage in Szene, wobei die vier Darsteller ständig die Rollen und Standorte im Raum wechseln: Mal sind sie ganz nah am Zuhörer, mal weit entfernt, wenn sie innere Monologe, Dialoge oder Ortsangaben sprechen, flüstern, hauchen.

Musik und Geräusche setzt Deigner sparsam und äußerst geschickt ein, um die fünf miteinander verwobenen Geschichten zu betonen, die trotz der kunstvollen, poetischen Sprache nah dran sind am Lebensgefühl heutiger Jugendlicher.

70 Minuten dauert die Inszenierung, die den Besucher zum Zuhören zwingt, bevor diffuses Dämmerlicht das Ende ankündigt. Und völlig entspannt hebt im Applaus auch der Blindenhund seinen Kopf.

  • Weitere Aufführungen sind am Dienstag, 29. April, sowie am 2. , 10., 15., 23. und 29. Mai jeweils um 20 Uhr.

von Uwe Badouin

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