Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Hitlers Aufstieg als „Gangsterschau“

Hessisches Landestheater Hitlers Aufstieg als „Gangsterschau“

Viel Applaus, rhythmisches Klatschen und Bravo-Rufe gab es am Samstag im ausverkauften Theater am Schwanhof für die Premiere von Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“.

Voriger Artikel
Marburger Bachchor singt h-Moll-Messe
Nächster Artikel
Die Magie von Licht und Schatten

Arturo Ui (Thomas Huth) will die Macht in Chicago. Er und sein Schläger Roma (Roman Pertl, oben links) haben den alten Dogsborough (Karlheinz Schmitt) in der Hand.Foto: Jan Bosch

Marburg. „Die Leute haben die völlige Freiheit, mich zu wählen“ oder „Glauben müsst ihr, glauben! Dass ich das Beste will für euch und weiß, was dieses Beste ist.“ Es sind Sätze wie diese, die der kleine Gangster Arturo Ui bei seinem aufhaltsamen Aufstieg an die Spitze der Städte Chicago und Cicero dem Publikum entgegenruft. Die Sätze sind - mit einem Blick auf die deutsche Geschichte - ebenso beklemmend wie aktuell.

Bertolt Brecht hat sein Drama als „große historische Gangsterschau“ bezeichnet. 1941 hat er sich im finnischen Exil sein Entsetzen über den Aufstieg Hitlers zur Macht von der Seele geschrieben - in Form einer Farce und einer Parabel.

Man kann handelnde Personen und Orte der Handlung leicht zuordnen: Arturo Ui ist Hitler. Er ist Boss einer Gangsterbande mit Giri (Hermann Göring), Givola (Joseph Goebbels), Roma (SA-Chef Ernst Röhm) in Chicago (Deutschland). Später wird er sich noch Cicero (Österreich) unter den Nagel reißen.

Charaktere basieren auf Nazi-Größen

Das Stück spannt zeitlich einen Bogen von der Weltwirtschaftskrise 1929 bis zum Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1939. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die Gemüsehändler klagen, der Karfioltrust, ein Synonym für den deutschen Adel und das Großkapital, fürchtet Einbußen. In dieser Gemengelage taucht der kleine Gangster Arturo Ui auf. Als sich der „ehrliche“ Dogsborough (Paul von Hindenburg) Ermittlungen wegen eines Anleiheskandals und Korruption ausgesetzt sieht, schlägt Uis Stunde. Mit Erpressung und Mord steigt er in kurzer Zeit zum unumstrittenen Gangsterboss auf und zwingt Politik, Wirtschaft, Justiz und Presse mit Drohungen und Gewalt auf seine Seite. Weggefährten wie Roma räumt er ebenso kaltblütig beiseite wie Ciceros Anführer Dullfeet (Österreichs Bundeskanzler Dollfuß). Erklärungen zum Geschehen werden auf der Bühne eingeblendet - eine Art Geschichtsunterricht.

Das Hessische Landestheater startet mit einem politischen Stück in die Spielzeit. Brechts „Arturo Ui“ eignet sich trotz mancher Schwächen - die mörderische Rassen-Ideologie der Nazis etwa spielt keine Rolle - sehr wohl für Diskussionen über Demagogie und Terror.

Intendant Matthias Faltz und Ausstatter Harm Naaijer lassen die Darsteller über einen Berg alter Schreibtische klettern, die sie auf die Bühne getürmt haben. Dort oben sitzend die Schreibtischtäter, die Hitler den Weg an die Macht ebneten. Die wenigen, die sich gegen ihn wandten, wurden ermordet. Die, die hätten eingreifen können, schauten weg - aus Angst, aus Gier, aus Berechnung.

Intendant Faltz vermeidet in seiner Inszenierung direkte Verweise auf die Gegenwart - die entdecken Besucher nahezu zwangsläufig. So mancher Satz könnte so oder ähnlich auf Kundgebungen der neuen Rechten fallen - „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem er kroch“, schrieb Brecht weitsichtig im Epilog.

Provokateure im Publikum

Thomas Huth gibt einen wandelbaren Ui: Als kleiner Gangster muss er seine Umgebung noch selbst mit der Waffe bedrohen. Je weiter er aufsteigt auf dem Schreibtischberg, auch mit Hilfe von Schauspielunterricht, desto mehr Handlanger hat er, die ihm die Drecksarbeit abnehmen.

Karlheinz Schmitt zeigt Dogsborough als selbstgefälligen Menschen, der aus Gier in eine Falle tappt und schließlich aus Eitelkeit Ui den Weg ebnet.

Alle anderen Darsteller - Ogün Derendeli, Sebastian Muskalla, Roman Pertl und Lisa-Marie Gerl - meistern ziemlich souverän mehrere Rollen, sind je nach Kostüm Gangster, Politiker, Kapitalist. Toll sind die Perücken aus einem Gummi-Material, die sich Naaijer ausgedacht hat.

Immer wieder wenden sich die Darsteller auch direkt an das Publikum, in dem Faltz auch „Provokateure“ platziert hat: Kurz vor Ende eskaliert etwa ein Streit mit einer „Besucherin“, die heftig gegen die vorgetäuschten Wahlen und die Inszenierung protestiert und von den Darstellern rigoros aus dem Saal geworfen wird.

In einigen Passagen, etwa bei den Reden des Demagogen Ui, hätte man sich mehr Dynamik gewünscht, insgesamt aber ist die Inszenierung ein spannender Einstieg in die Spielzeit.

Weitere Aufführungen sind am 9., 14., 20. und 22. September.

von Uwe Badouin

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Hier finden sie die Kommentare und Meinungen der Redakteure zu lokalen und weltpolitischen Themen sowie Glossen und augenzwinkernde Beträge. mehr