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Hingebungsvoll und sehr feinfühlig

Bachchor singt "Carmina Burana" Hingebungsvoll und sehr feinfühlig

Wortwörtlich mit einem Paukenschlag eröffnete der Marburger Bachchor Carl Orffs szenische Kantate „Carmina Burana“ im Erwin-Piscator-Haus.

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Ein Teil der Sängerinnen und Sänger des Marburger Bachchors während des Konzerts.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Sowohl Samstag als auch Sonntag begeisterte das bekannte Werk den gefüllten Saal, gesungen vom Bachchor Marburg, begleitet vom kleinen Ensemble und unterstützt durch die Sopranistin Marina Herrmann, den Tenor Joaquin Asiáin und den Bariton Wolfgang Weiß als Solisten. An den Flügeln spielten Lukas Rommelspacher und Andreas Hering.

Die künstlerische Leitung übernahm der Dirigent und Leiter des Marburger Bachchors, Nicolo Sokoli. Die Carmina Burana ist eines der populärsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Sie fußt auf einer gleichnamigen Lied- und Dramatextsammlung aus dem elften und zwölften Jahrhundert.

Publikum war mucksmäuschenstill

Die mittellateinischen und mittelhochdeutschen Texte sind überwiegend weltlichen Inhalts und entstammen der Blütezeit der mittellateinischen Dichtung und des Minnegesangs. Thematisch lassen sie sich in drei Gruppen fassen: Moralisch-satirische Dichtungen, Liebes-, Trink- und Spielerlieder sowie Texte zu geistlichen Spielen.

„Oh Fortuna, wie der Mond phasenhaft veränderlich“, besang der Chor die Göttin des Schicksals und des Glücks im bekannten „Oh Fortuna“, das Carl Orffs Werk sowohl einleitet als auch beendet.

Dramatisch und impulsiv eröffneten Chor und Instrumentalisten das Konzert. Vom Sekund-Vorbehalt des ersten Taktes an fesselten sie die Zuhörer an ihre Sitze. Mucksmäuschenstill war es im Publikum geworden, einzig und allein die einnehmende Spannung der raffinierten Komposition erfüllte den großen Saal.

Chor singt inpräziser Intonation

Geheimnisvolles Flüstern im sanften Pianissimo ließ das lautstarke Crescendo zum Finale des ersten Chorsatzes schon erahnen und dennoch fegte es über das gebannte Publikum hinweg, um direkt zum zweiten Satz der Komposition, „Furtane Plango Vulnerat“, überzugehen.

Die insgesamt 25 Sätze bestechen in ihrer Aneinanderreihung insbesondere durch die abwechslungsreiche musikalische Vielfalt. Düstere Texte und melancholische mystische Melodien wechselten sich mit lautstarken dramatischen Kompositionen ab, zornige Expressionen folgten auf fröhliche Harmonien. Mal erschuf der Chor ein clusterartiges Stimmenmeer im sanften Piano, mal verausgabten sich die Sängerinnen und Sänger im impulsiven Fortissimo.

Wie aus einem Mund sang der Chor in präziser Intonation und spannungsgeladener dynamischer Raffinesse. Hingebungsvoll und feinfühlig begeisterten sie mit Liedern wie „Veris Leta Facies“, dramatisch und ausdrucksvoll steigerten sie sich in perfekter Abstimmung zu „Veni Veni Venias“ in ein verheißungsvolles Crescendo, das die Herrlichkeit der Liebe besang.

Höhepunkte des Konzerts waren die Gesänge der drei Solisten, die ausdrucksstark die emotionalen Texte wiedergaben. Hermann sang gefühlvoll und leidenschaftlich zu „In Trutina“ von schmerzhaftem Verlangen und tragischen Schicksalsmomenten, Weiß sang sich ausdrucksvoll und zornig zu „Ego sum abbas“ regelrecht in Rage.

Facettenreiches Werk

Eindrucksvoll intoniert begeisterte auch Asiáin mit „Olim Lacus Colueram“, einem Stück, das vom traurigen Schicksal eines Schwans handelt, der nicht mehr fliegen kann. Er mimte den verzweifelten Schwan in seinem expressiven Gesang und begeisterte mit der Reinheit seiner bemerkenswerten Kopfstimme.

Mit der Wiederholung von „Oh Fortuna“ neigte sich das facettenreiche Werk seinem Ende zu und beeindruckte erneut durch die Intensität und Reinheit der Harmonien, durch versteckte Dissonanzen, die die Tragik des Werks erst vollkommen machen. „Wir wollten die Carmina Burana schon lange aufführen“, so Anne Widmer vom Vorstand der Musikfreunde Marburg, zuständig für die Organisation des Konzertes.

„Das Werk ist unheimlich bekannt und zieht viele Fans mit sich. Da war es uns ein kleiner Traum, es mit dem Bachchor selbst auf die Beine zu stellen.“ Auch Tenor Asiáin ist seit Jahren von der Liedersammlung begeistert. „Ich singe den Schwan in der Carmina Burana jährlich 12 bis 15 Mal. Das Werk ist unheimlich eindrucksvoll.“

von Julia Mädrich

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