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„Hier ist alles etwas direkter“

Frankfurter Schirn zeigt Tobias Rehberger „Hier ist alles etwas direkter“

Er hat einen speziellen Humor und lockt Betrachter gern auf falsche Fährten. Schuld ist ein Kinderbuch, erzählt der Designer und Bildhauer Tobias Rehberger, der auch schon mal einen Film gedreht hat: rückwärts. Die Frankfurter Schirn zeigt eine große Retrospektive.

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Der Künstler und Bildhauer Tobias Rehberger in den Räumen seiner Ausstellung „home and away and outside“ in der Frankfurter Schirn.Foto: Boris Roessler

Quelle: Boris Roessler

Frankfurt. In Venedig hat er ein Café gestaltet, in dem einem die Augen übergehen. In Hannover ließ er einen Garten täglich mit Schneekugeln beschießen. In Münster stellte er eine Kiste aus und behauptete, drinnen sei ein Maserati. Jetzt bekommt Lokalmatador Tobias Rehberger in seiner Wahlheimat Frankfurt eine große Retrospektive - mit nur 47 Jahren. Die Kunsthalle Schirn zeigt seit gestern 60 Arbeiten aus 20 Jahren. „Home and Away and Outside“ ist bis 11. Mai zu sehen. „Längst überfällig“ sei diese Schau, sagt Schirn-Direktor Max Hollein.

Eigentlich finde er es ja „ganz okay, dass man sich seine Sporen erstmal außerhalb verdienen muss“, sagt Rehberger. Nach Frankfurt kam der Esslinger Ende der 80er wegen eines Mädchens, das er im Skiurlaub kennengelernt hatte. Geblieben ist er, weil er sich wohlgefühlt hat in dieser „no bullshit city“, wie er sagt. „Hier ist alles etwas tougher, direkter. Hier zählt das Machen, nicht das Geschwafel.“ Er studierte bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger an der Städelschule, seit 2001 lehrt er dort selbst als Professor, inzwischen ist er Prorektor.

„Rehbergers Kunst nährt sich aus dem grundlegenden Zweifel, ob die Dinge wirklich so sind, wie sie sind“, schrieb die „Frankfurter Neue Presse“. Eine gute Beschreibung, sagt Rehberger und erzählt von einem Kinderbuch, in dem jeweils die nächste Seite das Bild der vorherigen Seite konterkarierte: Der nette Mann hatte ein Messer in der Hand, der finster dreinblickende Geselle einen Blumenstrauß hinter dem Rücken versteckt. „Das hat mich enorm beeindruckt.“

Typisch für seine Mischung aus Kunst und Design ist die spiralförmige Brückenskulptur, die er in Oberhausen über einen Kanal schlug. Typisch für seinen Humor sind die Titel seiner Werke: Einen dürren, pinkfarbenen Baum nennt er „Asoziale Tochter“, er lässt eine milchige Lampe über einer Parkbank schweben und nennt das „Caprimond“. Eine Ausstellung bei Wien nannte er „Junge Mütter und andere heikle Fragen“, die in Madrid „I die every day“.

Seine anstrengendste Arbeit war ein Film, sagt der 47-Jährige. „On Otto“ hat er rückwärts produziert: erst malte er das Filmplakat, dann gab er den Vor- und Abspann in Auftrag. Als nächstes durfte sich der Filmkomponist austoben, dann musste der Kameramann Bilder zu diesem Soundtrack erfinden - „und am Ende schrieb dann einer ein Drehbuch“.

An künstlerische Autorenschaft glaubt er nur bedingt. „Irgendwer muss es sich halt ausdenken und irgendwer muss es dann realisieren.“ Aber das müsse nicht zwingend die gleiche Person sein. Doch, er könne schon gut Verantwortung abgeben, sagt er, „vielleicht suche ich sogar den Kontrollverlust“. Sein Atelier gleicht eher einer gut geschmierten Kunst-Fabrik als einem Elfenbeinturm.

Viele seiner Arbeiten locken den Betrachter zunächst auf einen ausgetretenen Wahrnehmungs-Pfad und fallen ihm dann in den Rücken. Das kommt weltweit gut an. Bei der Kunst-Biennale in Venedig 2009 bekam er den „Goldenen Löwen“ als bester Künstler für seine Op-Art-gemusterte Cafeteria, die er „Was Du liebst, bringt Dich auch zum Weinen“ nannte. In einer Frankfurter Diskothek wurde das von ihm gestaltete Interieur weniger pfleglich behandelt: Als die Clubbetreiber aufgaben, tauchte einiges in einem anderen Club wieder auf, anderes verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Die Pariser Bohème

Wenn man in der Schirn ist, lohnt sich auch ein Blick in die Ausstellung „Esprit Montmartre - Die Bohème in Paris um 1900“. Bis 1. Juni sind dort rund 200 Bilder von 26 Künstlern zu sehen, darunter so bekannte Namen wie Vincent van Gogh, Pablo Picasso oder Henri de Toulouse-Lautrec. Die Bilder sind nicht chronologisch und nicht nach Malern geordnet, sondern reihen sich ein in sechs Themenblöcke wie Cafés und Varietés, Traumwelt Zirkus, Tänzerinnen und Prostituierte. Eine Sektion zeigt „Montmartre als Ort der Außenseiter und sozialer Veränderungen“ - das ist der gedankliche Kern der Ausstellung.

Kunsthalle Schirn: Tobias Rehberger (bis 11. Mai, Eintritt 8 Euro); Esprit Montmartre (bis 1. Juni, Eintritt 10 Euro); Öffnungszeiten: Dienstag und Freitag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 bis 22 Uhr.

von Sandra Trauner

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