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„Heute dilettieren alle vor sich hin“

OP-Buchtipp „Heute dilettieren alle vor sich hin“

Günther Rühle hat bereits mit seinem ersten Band über „Theater in Deutschland 1887 – 1945“ Furore gemacht. Jetzt legt er den ebenso umfangreichen Fortsetzungsband über die Nachkriegsjahre bis 1966 vor.

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Günther Rühle, Präsident der Alfred-Kerr-Stiftung, spricht am 18. Mai im Haus der Berliner Festspiele bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Darstellerpreises.

Quelle: Britta Pedersen

Keine Angst vor dicken Wälzern, wenn es um „Theater in Deutschland“ geht und wenn der Wälzer von Günther Rühle stammt. Denn es ist schlicht ein sensationeller Glücksfall, wie Rühle seine umfangreiche Chronik seit dem ersten Band über die Jahre 1887 bis 1945 fortschreibt und auch den jetzt erschienenen zweiten Band über die Nachkriegsjahre in Deutschland Ost und West bis Mitte der 60er Jahre zu einer fesselnden Lektüre macht.

Denn dem renommierten Theaterkritiker, Publizisten und früheren Intendanten gelingt das Kunststück, bedeutende Etappen der jüngeren deutschen Theatergeschichte, diesmal zu einem guten Teil auch aus eigenem Erleben noch einmal bildhaft in Erinnerung zu rufen. Und er verbindet diese lebhaften Schilderungen mit den wichtigsten Etappen der gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die ja stets ihre Auswirkungen auch auf das Theaterleben und ihre Akteure hatten. Es ist ein Panorama der jüngeren deutsch-deutschen Kulturgeschichte.

In den 60er formiert sich „intellektuelle Front“

Rühle erzählt wieder von Rebellionen, Kämpfen, Niederlagen und Triumphen, Entdeckungen und politischen Beanspruchungen des Theaters. Er schildert ausführlich das Wiederaufleben der Theater in Ost und West, die in unterschiedlicher Weise sogar über die Grenzen des Landes auf sich aufmerksam machten, „im Westen freier und vielfältiger als in der sozialistischidealistisch gelenkten Parteitheaterwelt Ostdeutschlands“, wo sich aber bald ein Bertolt Brecht mit seinem Berliner Ensemble gegen anfängliche Widerstände der Parteidogmatiker durchsetzte und Weltruhm erlangte.

Rühles Geschichte reicht bis in die unruhigen 60er Jahre, in denen eine neue Theatergeneration auf den Plan trat, „bald explosiv im Westen, noch in der Unterdrückung im Osten“. Damals habe sich eine „intellektuelle Front“ gebildet.
Im Westen machte zum Ende von Rühles zweitem Band, der bis 1966 reicht, die „Pinscher“-Affäre durch den Ausfall eines Bundeskanzlers Ludwig Erhard („Da hört der Dichter auf, da fängt der kleine Pinscher an“) die Kluft deutlich, die sich zwischen den kritischen Künstlern, allen voran Rolf Hochhuth, Martin Walser und Günter Grass und der konservativen Politik aufgetan hatte.

„In den politischen Kreisen in Bonn war ihre kritische Meinung nicht mehr geschätzt als in Ost-Berlin.“ Jedenfalls bis Willy Brandt auf die (politische) Bühne trat, der im Kanzleramt auch den Rat und die Gesellschaft von Schriftstellern und Künstlern suchte.

Rühle erinnert an aufsehenerregende Ereignisse

In der DDR traten Theatermacher und Autoren wie Peter Hacks, Heiner Müller, Volker Braun und Benno Besson ins Rampenlicht und sorgten für Unruhe (und Verbote). „Hätte ich gewusst, daß ich mein eigenes Gefängnis bau hier, jede Wand hätt ich mit Dynamit geladen“, hieß es in Müllers Stück „Der Bau“. „Reißt die Mauern ein! Wir haben‘s aufgebaut, wir wissen‘s zu zerstören!“ wird später im Wende-Herbst 1989 eine Textpassage in einer turbulenten „Wilhelm-Tell“-Inszenierung in der Ost-Berliner Volksbühne umjubelt werden.

Sachkundig schildert Rühle auch die zunächst in der DDR misstrauisch beäugten Arbeiten an Brecht-Weigels Berliner Ensemble, das später dann zeitweise zu einem Theaterdenkmal erstarrte. Die Brecht-Bühne am Schiffbauerdamm und das benachbarte Deutsche Theater in Ost-Berlin waren zeitweise – neben Giorgio Strehlers Piccolo Teatro in Italien – die aufsehenerregenden Ereignisse auf den internationalen Festivals, wie Rühle erinnert.

In der alten Bundesrepublik war zunächst das eher kleine Bremen die zentrale Bühne von den 50er zu den 60er Jahren, wenn es um neue Formen und Experimente ging. Später waren es vor allem die Berliner Schaubühne sowie die Münchner Kammerspiele wie auch Bühnen in Hamburg, Frankfurt und Stuttgart – das westdeutsche Theater hatte nach dem Krieg kein Zentrum mehr.

Enttäuscht vom Theater der Gegenwart

Das Bremer Theater von Kurt Hübner (der später die Freie Volksbühne in West-Berlin leiten sollte) wurde zur aufregenden Bühne der Selbstdarstellung einer neuen Generation, wie Rühle betont. Junge Regisseure wurden erprobt und Nachwuchsschauspieler traten ins Rampenlicht, darunter Bruno Ganz, Jutta Lampe, Edith Clever, Peter Stein, Hans Neuenfels und Peter Zadek. Eine aufregende Theaterreise in Deutschland begann.

Und wo endete sie bisher, wie sieht Rühle heute auf das Theater der Gegenwart? „Das Lessingsche Konzept ist aufgebraucht“, sagte er der dpa dazu. „Alle dilettieren vor sich hin mit gelegentlichen Eingebungen oder Designkonstruktionen. Wie weit ist das doch entfernt von der immer noch treffenden Definition des Novalis: ‚Das Theater ist die tätige Reflexion des Menschen über sich selbst.‘ Aber das ist der Stoff für Band 4, den nun gewiss ein anderer schreiben muss, wenn er es kann.“

Den Band 3 ab 1967 möchte der mittlerweile 90-jährige Autor aber gerne noch selbst verfassen. „Mal sehen, ob der Rest des Lebens dafür noch reicht. Ich fürchte mich nicht.“ Der Band erscheint ihm noch schwieriger als der jetzt vorliegende 2. Band. „Er würde enden mit der Wende 1990 und einem Ausblick bis zu Heiner Müllers Tod (Ende 1995).“ Schon jetzt aber ist Rühles bisher vorliegendes Werk ein so bald nicht wiederholbarer Glücksfall für die deutsche Theatergeschichtsschreibung, ein Standardwerk, auf das noch Generationen zurückgreifen werden.

  • Günther Rühle: „Theater in Deutschland 1945-1966 – Seine Ereignisse – seine Menschen“, S. Fischer Verlag, 1520 Seiten, 46 Euro.

von Wilfried Mommert

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