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Herzlichkeit in einem zerrissenen Land

Besuch in der tunesischen Partnerstadt Sfax Herzlichkeit in einem zerrissenen Land

Seit 1971 gibt es die Städtepartnerschaft mit Sfax. Nur wenige Marburger wissen etwas über die zweitgrößte Stadt Tunesiens. Jetzt haben Marburger Musiker Sfax besucht und viele Eindrücke mitgebracht.

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Das Foto vermittelt einen Eindruck von den Demonstrationen nach der Ermordung des Oppositionspolitikers Chokri Belaid in Sfax.Privatfotos

Marburg. Marburg - Sfax/Tunesien: dazwischen mehr als 2000 Kilometer, erst die Schneemauer der Alpen, dann das weite Mittelmeer, die unsichtbare Mauer zwischen den Kontinenten. Eine Musikerin, fünf Musiker und ein Journalist aus Marburg schlendern elf Stunden später auf der Place Marbourg im milden Abendlicht der weißen Partnerstadt am Meer. Frühling, zwanzig Grad…

Es ist Anfang Februar, aber auch sonst, das sieht man dieser Stadt schnell an, ist sie kein Treff für Touristen, diese flach und endlos hingestreckte Halbmillionenstadt im Süden Tunesiens. Draußen endlose Reihen von Oliven- und Mandelbäumen und Gemüsefelder, ins Stadtgebiet hinein Möbel- und Textilfabriken, große Industrie: Öl und Gas, Phosphate und Chemie. Und der Hafen. Sfax, zweitgrößte Stadt des Landes, misst sich im Umschlag mit Tunis.

Eine Straße führt vom Hafen nordwärts nach Sidi Mansour, einen alten Fischerort. Davon wussten wir freilich nichts. Wir wissen nur, „Sidi Mansour“ ist der Titel eines Ohrwurms, den jedes Kind in Sfax auswendig kennt. Den können auch die langbärtigen Prediger des „Islams der schwarzen Herzen“ aus Qatar und Saudi-Arabien nicht verbieten, die den toleranten sufistischen Islam in Tunesien zu bekämpfen suchen.

An Charme und Schönheiten fehlt es nicht: Die mittelalterliche Medina wurde eigens für den Film „Der englische Patient“ ausgesucht. Einsame Strände eine Stunde vor der Stadt auf den Kerkennah Inseln. Es gibt wohl misstrauische Blicke, aber Gastfreundschaft und Herzlichkeit sind überwältigend.

Sfax ist eine uralte Stadt und eine große Universitäts- und Kunststadt. Und ein Zentrum der traditionellen tunesischen Musik. Dem Institut Supérieur de Musique de Sfax mag es an äußerer Eleganz mangeln, was jedoch westlich geschulte Ohren an kompliziertester Rhythmik und Melodik von den Studentinnen und Studenten in der Klasse von Imed Messaoud zu hören bekommen, ist beeindruckend - ebenso die Freude der Schülerinnen und Schüler an ihrer Arbeit. Am Ende funkt es, gibt es eine kleine Session, Kanoun (Hackbrett), Oud, Percussions, Gesang und Tanz, egal ob Schleier oder nicht, Ausgelassenheit und Lachen, Samba tunesiènne, Kontakte werden geknüpft. Dem entkommt hier wohl niemand. 500 Gespräche an fünf Tagen ist wohl ein guter Schnitt. „Hungrig nach Welt“, sagt Achmed Ouali einmal, einer unserer Führer. Er ist Ingenieur und hat eine Werkstatt für Textildruck und Design aufgebaut. Außerdem einen „Deutsch-Tunesischen Klub“ für Deutschlernende, der sich regelmäßig trifft um deutsch zu sprechen.

Mit dem bekannten Sänger Nabil Boudhina und Mhiri Hamdi, Inhaber eines Musikstudios, haben die Musiker der Musikschule Marburg - Knut Kramer, Sven Demandt, Johannes Treml und Olaf Roth - und der Chorleiter Jean Kleeb konkrete weitere Zusammenarbeit vereinbart. Die Musiklehrerin Susanne Lohmiller will eine Kooperation zwischen einem Sfaxer Lyzeum und einem Marburger Gymnasium sowie den Austausch von Theatergruppen auf den Weg bringen. Völkerverständigung besteht aus kleinen Mosaiksteinchen.

Das Programm ist enorm konzentriert: Fischmarkt, Besuch des Kindergartens von Frau Iryna Ben Salah, ein Nachmittag im Kulturzentrum Borj Al Kallel, ein Empfang bei Herrn Mabrouk Kossentini, dem Bürgermeister von Sfax. Und immer wieder: Freundschaftspflege und Musik, alles großartig organisiert vom Vorsitzenden des Sfaxer Städterpartnervereins „Mr. Energy“ Shahir Krichen.

Beim Bürgermeister wird gesungen: „Hejo, spann den Wagen an“ bricht das Eis der Förmlichkeit. Für die Tunesier ist ein Kanon ungewohnt - noch überraschender aber, dass die Notation fast übereinstimmt mit dem Lied, das jeder kennt. Wenn die deutsche Gruppe vom Kanon übergeht zu „Sidi Mansour“, löst dies sofort, ob bei kleinen Kindern oder würdigen Ratsherren, einen Begeisterungssturm aus.

Als die Marburger Musiker vor 400 Besuchern ihr Konzert absolvieren, einen Bogen von Liedern aus Schuberts „Winterreise“ über brasilianische Sambas, Eigenkompositionen und E-Jazz, ertönt zum Abschluss wiederum der Kanon. Bei „Sidi Mansour“ ist bald die halbe Bühne voll mit tanzenden Menschen. Auch Mr. Energy tanzt.

Nachtrag. Wir kommen noch „hinaus“ - am nächsten Morgen stürzt das Land durch den brutalen Mord an dem populären linken Oppositionsführer Chokri Belaid in eine tiefe Krise. 1,5 Millionen Menschen sind beim Begräbnis auf den Beinen. Große Demonstrationen, auch in Sfax. Dort gibt es eine schwere Provokation: Über den Boulevard Bourguiba donnern Lkw mit schwer bewaffneten Salafisten, die Bezirksregierung wird gestürmt. „Meine Heimat ist krank“, mailt Nabil Boudhina. Militäreinheiten stellen die Ruhe wieder her, ein Sprecher gibt 150 Verhaftungen bekannt.

von Balduin Winter

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