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Herausforderndes Hörerlebnis

Smetana Philharmoniker Prag bei Konzertverein Herausforderndes Hörerlebnis

Max Regers Orchesterwerke sind keine Repertoire-Knüller. Und so war es ein Wagnis, dem großen Spätromantiker ein komplettes Konzert zu widmen – aus Anlass seines 100. 
Todestages am 11. Mai.

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Hans Richter begleitete als Chefdirigent der Smetana Philharmoniker Prag den schwedischen ­Geiger Ulf Wallin bei Regers Violinkonzert.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Aber das Wagnis ist geglückt: 450 Zuhörer kamen am Sonntag ins Audimax, also nicht sehr viel weniger als im Durchschnitt. Vielleicht war unter ihnen ja auch der eine oder andere, dem Vorfahren vorgeschwärmt haben von Max Regers zahlreichen Marburger Auftritten in den anderthalb Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg.

Aufgrund freundschaftlicher Beziehungen zur Buchhändler-Familie Braun-Elwert gastierte er als Chefdirigent der Meininger Hofkapelle, damals eines der besten deutschen Orchester, in der Universitätsstadt, war jedoch auch beim Konzertverein zu erleben, und zwar als Kammermusiker.

So musizierte er 1909 als Klavierpartner des französischen Violin-Virtuosen Henri Marteau in einem Abonnementskonzert. Ein Jahr zuvor hatte Marteau im Leipziger Gewandhaus Regers A-Dur-Violinkonzert uraufgeführt.

Dieses ist das weltweit am seltensten gespielte große Werk der Gattung. Das hat seinen Grund vor allem in seiner Spieldauer von knapp 60 Minuten. Dem Stück liege die Absicht zugrunde, „den Typus des hochromantischen symphonischen Instrumentalkonzerts auf Überlänge auszudehnen, mit harmonischen wie kontrapunktischen Künsten schier zu überfrachten und mit spieltechnischen Schwierigkeiten auszustatten“, hat der einst sehr einflussreiche Musikkritiker der Süddeutschen Zeitung Karl Schumann nicht ganz zu Unrecht geurteilt.

Es ist also eine schweißtreibende Angelegenheit für den Solisten, der nahezu ununterbrochen gefordert ist. Und angesichts der Tatsache, dass Regers Violinkonzert nicht zu den Repertoirestücken für Tourneen gehört, verdient jeder Geiger Hochachtung, es einzustudieren – wie der Schwede Ulf Wallin, der am Sonntag die Konzertverein-Premiere spielte.

Reger liegt Richter im Blut

Seine vor fünf Jahren produzierte CD-Einspielung ist von der Kritik hochgelobt worden. Und auch der Live-Auftritt des Berliner Violin-Professors fesselte durch die schier atemberaubende, nie nachlassende Energie, den großen, leuchtenden Ton und die technische Makellosigkeit in den fordernden virtuosen Passagen. Zudem hatte Wallin auch gestalterisch eine ganze Menge mitzuteilen – der Konzertverein sollte ihn unbedingt wieder verpflichten.

Hingebungsvoll begleitet wurde Wallin von den Smetana Philharmonikern Prag, einem 2004 gegründeten Orchester, in dem außerordentlich viele junge Leute musizieren, darunter in Marburg nicht wenige Jugendliche.

Ihr Chef, der 65-jährige Hans Richter, hat einen berühmten Urgroßvater gleichen Namens: den Uraufführungsdirigenten von Wagners „Ring des Nibelungen“ und einiger Brahms-Sinfonien. Und Richter ist im selben Landstrich geboren wie Reger: der schönen Oberpfalz in unmittelbarer Nähe zur tschechischen Grenze.

Man könnte also sagen: Reger liegt Richter im Blut. Und er versteht es glänzend, dies auf sein sympathisches, an allen Pulten überzeugend klangschön musizierendes Orchester zu übertragen. Nach dem herausfordernden Hörerlebnis mit dem Violinkonzert schenkten die 50 Musiker dem Publikum noch die wundervollen Variationen, die Reger über das Hauptthema aus Mozarts A-Dur-Klaviersonate KV 331 (die mit dem populären „Alla-turca“-Finale) geschrieben hat. Es war ein ungetrübtes Vergnügen zuzuhören, wie aus Mozart im Verlauf der acht Variationen und der krönenden Fuge nach und nach Reger wird.

Als Zugabe spielten die Smetana Philharmoniker Prag Mozart im Original: den ersten und dritten Satz aus der Ouvertüre zur Oper „Lucio Silla“, die das Salzburger Genie als 16-Jähriger für Mailand komponiert hat.

  • Die kommende Saison eröffnet der Konzertverein am Sonntag, 9. Oktober, dann im neu hergerichteten Erwin-Piscator-Haus, mit einem Gastspiel der Capella Istropolitana.

von Michael Arndt

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