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Helden, Monster und tanzende Glamrock-Phaiaken

Jugendclub des Hessischen Landestheaters Helden, Monster und tanzende Glamrock-Phaiaken

Die Odyssee, eines der ältesten und wichtigsten Werke der europäischen Literatur, bestehend aus über 12.000 Versen - gespielt von Jugendlichen? Die Fassung von Ad de Bont und die Inszenierung von Juliane Nowak machen es möglich.

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Die Odyssee wird nie zu alt für die Bühne – erst recht nicht, wenn sich Jugendliche für sie begeistern.

Quelle: Christian Busek

Marburg. Es ist dunkel. Nebelschwaden ziehen über die Bühne. Am hinteren Bühnenaufgang erscheint, sich zusammensetzend aus den Körpern mehrerer Darsteller, vielstimmig, sich windend, Polyphem, der Sohn des Poseidon, ein menschenfressender Zyklop - mit einer Stirnlampe als Auge.

Ihm entgegen stellt sich Odysseus, Schlauster unter den Griechen und Held von Troja. Sechs seiner Gefährten werden von dem Monster getötet und verschlungen, doch listenreich gelingt es dem König von Ithaka, den „grausamen Einaug” zu blenden und mit dem Rest seiner Mannschaft zu fliehen.

Ein Stück auf die Bühne zu bringen, das gleich mehrere solcher „Actionszenen” enthält, ist immer ein Wagnis. Zu leicht driften solche Versuche auf einer staatlich subventionierten Stadt- oder Landestheaterbühne ab ins Lächerliche.

Helden, Monster und tanzende Glamrock-Phaiaken:

Bilder von einem der ältesten und wichtigsten Werke der europäischen Literatur, bestehend aus mehr als 12.000 Versen - gespielt von Jugendlichen.

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Gerade für Jugendtheatergruppen bietet sich ein solches Stück aber auch an, ist es doch weit entfernt von der Ödnis, die klassisches Sprechtheater à la Goethe, Schiller, Kleist in den pflichtlektüregeplagten Köpfen der meisten Schüler heraufbeschwört - obwohl das natürlich nur ein Vorurteil ist.

Auf der Bühne in der Galeria Classica gelingt das Experiment Odyssee - und der Lohn ist umso größer. Überzeugend spielen die jugendlichen Darsteller zum Teil mehrere Jahrzehnte ältere menschliche Figuren, darunter Odysseus (Nico Hartwig) und Antinoos (Michel Bostroem), sowie die Götter Athene (Katharina Maurer), Zeus (Céline Schöne), Poseidon (Dorothee Idahor) und Hermes (Julia Dieterich) und die „flechtenschöne” Nymphe Kalypso (Irma Trommer).

Telemachos-Darstellerin spielt mit großer Präsenz

Dabei hilft der inszenatorische Kniff, dass der Hauptdarsteller seine Mitspieler zunächst bei ihrem Vornamen anredet und ihnen ihre Rolle zuweist. So wird die Illusion nicht überspielt, sondern offengelegt - das Stück als Ganzes gewinnt damit an Glaubwürdigkeit. Doch nicht nur der Handlungsstrang um Odysseus und seine Irrfahrt, auch das Geschehen am Königshof in Ithaka ist spannungsreich in Szene gesetzt.

Karen Kanke verkörpert mit großer Bühnenpräsenz den zwischen Opportunismus und Hoffnung schwankenden Telemachos, Odysseus‘ Sohn. Im Zusammenspiel mit der ebenfalls überzeugend agierenden Esther Helms als Penelope ergeben sich energiegeladene Dialoge.

Hinzu kommen Szenen, die einfach nur lustig sind, wie die im Land der Phaiaken, an dessen Strand die heiratswütige Prinzessin Nausikaa und ihre Freundin (herrlich übertrieben: Hannah Brand und Mariella Mayer) den angespülten Odysseus finden.

Es folgt eine Party am Hof des Königs Alkinoos, bei dem der skurril im Glamrock-Stil gewandete Hofstaat eine regelrechte Tanzrevue aufführt - ein großer Spaß!

von Vera Zimmermann

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