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Hassliebe zum Monster-Instrument

Premiere Der Kontrabass Hassliebe zum Monster-Instrument

Minutenlangen Beifall gab es am Freitagabend für die Neuinszenierung von Patrick Süskinds „Der Kontrabass“. In der ausverkauften Waggonhalle feierten die Zuschauer ein äußerst unterhaltsames Solostück.

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Der Kontrabass, ein kranker Onkel, den man immer rumschleppen muss: Nisse Kreysing spielt den Musiker in „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind.Foto: Bettina Preussner

Marburg. Er trinkt und trinkt, ja er säuft regelrecht. Ein Bier nach dem anderen kippt er in sich hinein, denn er muss Schwerstarbeit leisten. Schwerstarbeit auf seinem Kontrabass, den der Musiker zwar irgendwie liebt, aber eigentlich plump und hässlich findet. Es sei ein Waldschrat von Musikinstrument, ein Monstrum, ein kranker Onkel, ein fettes altes Weib, ein Dreckskasten, brüllt er und lässt kein gutes Haar an dem Kontrabass.

Und überhaupt ist das Instrument an allem schuld: daran, dass er in der Orchester-Hackordnung ganz unten steht, daran, dass er ständig Stücke von unbekannten Komponisten spielen muss, daran, dass er immerzu trinken muss und immer alleine ist, daran, dass Sarah, seine Angebetete, ihn noch nicht einmal wahrgenommen hat.

Die Waggonhalle hat mit ihrer 18. Produktion ein sehr unterhaltsames und witziges Ein-Mann-Stück auf die Bühne gebracht. Und doch merkt der Zuschauer bald, dass das alles nicht nur lustig ist, sondern im Kern auch ziemlich traurig. Es geht um Einsamkeit, Isolation und Selbsttäuschung, um Angst und Frustration. Das Orchester sei mit seiner streng hierarchischen Struktur ein Abbild der menschlichen Gesellschaft, heißt es an einer Stelle, ganz am Schluss der Hierarchie steht der Kontrabass. „Nach uns kommt nur noch die Pauke“, lamentiert der gequälte Musiker melancholisch.

Matze Schmidts gelungene Inszenierung von „Der Kontrabass“ lebt natürlich zu allererst vom intensiven und ausdrucksstarken Spiel von Nisse Kreysing.

Großartiger Nisse Kreysing meckert und motzt

Hut ab vor der Leistung dieses Schauspielers, der eineinhalb Stunden lang ganz alleine auf der Bühne steht. Im speckigen Bademantel schlurft er über die Bühne, schnaubt und schreit, meckert und motzt und trinkt nebenbei einen ganzen Kasten Bier leer.

Zum stimmigen Gesamtbild trägt schließlich auch die Gestaltung der Bühne bei (Daniela Vogt). Leere Flaschen bilden einen hinderlichen Parcours, den der Musiker ständig durchlaufen muss. Der gesamte Bühnenraum ist mit Eierkartons ausgekleidet und wird so zur schallisolierten Klause, in der sich der Musiker von der Außenwelt und seinen Mitmenschen abschottet.

Eine weitere Aufführung von „Der Kontrabass“ gibt es am Samstag, den 26. Januar, ab 20 Uhr in der Waggonhalle. Im März soll das Stück wieder aufgenommen werden.

von Bettina Preussner

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