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Hagen Rether dreht jeden Stein um

Kabarett im Marburger Audimax Hagen Rether dreht jeden Stein um

Hagen Rether hat so ziemlich jeden Kabarettpreis Deutschlands gewonnen und ist gleichzeitig Fördermitglied des Marburger KFZ. Am Samstag stellte er vor rund 900 Zuschauern im Audimax seine Klasse unter Beweis.

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Klare Worte – und darauf ein Schlückchen Sprudelwasser. Hagen Rether nahm in Marburg Kapitalismus und Konsumgesellschaft aufs Korn.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Rether betritt das Audimax, setzt sich vor seinen imposanten Flügel und blickt in die Menge. Ihm gegenüber: 898 Zuschauer. Einige Sekunden verstreichen. Absolute Stille vor dem Sturm. „Seit heute Nacht wissen wir, warum die Flüchtlinge sich auf den Weg machen“, meinte er und spielte damit auf die Terroranschläge in Paris an. Der Startschuss für einen brillanten Abend.

Wer geglaubt hatte, dass es an lustiger Abend wird, an dem es vorrangig um kurzweilige Unterhaltung ging, hatte sich geschnitten. Rether hielt dem Publikum  den Spiegel vor und nahm es in die Pflicht.

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Im größten Hörsaal der Philipps-Universität, in dem für gewöhnlich Dozenten Studierende unterweisen, läuft Rether mit seinem Programm „Liebe“ zu gewohnter Hochform auf und verteilt reihenweise Armutszeugnisse – insbesondere an Kapitalismus, Konsumgesellschaft und natürlich die Kirchen. So ist es schon sehr sarkastisch, wenn Rether das „Vater Unser“ in reichlich abgewandelter Form predigt: „Ja, auch wir vergeben unsere Kredite und führe uns nicht in Versuchung, sondern gib die Erlöse uns von den Börsen.“ Während des „Gebets“ spielt Rether auf seinem Flügel das Wiegenlied „Schlaf mein Kind, schlaf leis’“.

Freilich kriegt auch die politische Elite Deutschlands ihr Fett weg. Mit seinem „Vater unser“ nimmt Rether die Bevölkerung in die Pflicht, somit auch jeden einzelnen im Audimax. Ständiges Schimpfen auf „Die da oben“ bringe nichts. Aus dem Munde des Mannes aus Essen hört sich das so an: „Jedes Volk bekommt genau die Regierung, die sie verdient.“ So setzt es für das Gewissen der Zuschauer verbale Ohrfeigen, die im Audimax ordentlich schallen.

„Haben wir wirklich geglaubt, dass unsere jahrhundertelange Ausbeutung der Welt immer so weiter geht?“, fragt Rether. Jetzt sei das Spiel aus – und die Terroranschläge seien die Rechnung für die westliche Welt. Doch statt rationalem Denken sieht Rether nur Zorn und Hass als Reaktion. Wo seien die aufklärerischen Lehren aus Lessings „Nathan der Weise“, wenn sie am dringendsten benötigt würden?

Schwarzer Humor, der im Hals stecken bleibt

22.26 Uhr: Rether kommt aus der Pause und schlägt die Hände vorm Gesicht zusammen. „Meine Güte, schon so spät. Da müssen Sie durch.“ Doch die Zuschauer sind bereit für weitere verbale Ohrfeigen – die Bissigkeit ist Rether in der Pause schließlich nicht abhanden gekommen. Nachdem er in Erfahrung gebracht hat, dass Frankreich das Fußballspiel gegen Deutschland 2:0 gewonnen hat, zeigt er sich wenig überrascht. „Klar, hatten ja auch den Heimvorteil“, meint er schmunzelnd und genießt einen kräftigen Schluck Mineralwasser. Unter das nervöse Lachen mischt sich bei einigen Zuschauern auch ein leichtes Hüsteln. Schwarzer Humor kann auch mal im Halse stecken bleiben.

Allerdings macht es sich Rether manchmal auch zu leicht. Etwa, wenn er US-Präsident Barack Obama als Opfer verschiedener Interessen der Lobbyisten präsentiert. Dennoch kriegt der Kabarettist einmal mehr elegant die Kurve. „Ich glaub ja gar nicht, dass das Obama ist. Das ist bestimmt Günter Wallraff in geheimer Mission.“

Jede Tradition müsse überprüft werden

Stichwort Mission. Davon könne Agent 007 auch ein Liedchen singen. Ein charmanter britischer Gentleman im Auftrag ihrer Majestät auf Feldzug gegen das Böse und Schlechte in der Welt? Pustekuchen! Rethers Perspektive auf James Bond sieht anders aus: Er sei ein Mann, der skrupellos schaltet und waltet und überall auf der Welt mordet, da er die „Lizenz zum Töten“ habe. „Warum zur Hölle hat er die?“ So werde der Neo-Kolonialismus und die Überlegenheit der westlichen Welt in der Pop-Kultur gehegt und gepflegt.

Auch das Schulsystem nimmt Rether aufs Korn: „Warum machen unsere Kinder schon mit 17 Jahren Abitur?“ Völlig unvorbereitet aufs Leben gingen „die Kurzen“ von der Schule, nicht einmal imstande, den Mietvertrag in der Studenten-WG selber zu unterzeichnen.

Jede Tradition müsse auf ihren Sinn geprüft werden. Jeder Stein müsse umgedreht werden, sagt Rether. Und auch wenn man nicht mit allem übereinstimmt, was er so vorschlägt, hat der 46-Jährige zumindest Ideen. Denn es ist leicht, sich zu echauffieren, ohne Verbesserungsvorschläge zu machen. Warum dauernd Fleisch essen? Warum nicht mal Bio-Produkte kaufen? Freilich sei aller Anfang schwer. „Aber wenn wir nicht einmal die kleinen Anfangsschritte machen, kommen wir keinen Schritt weiter“, stellt Rether fest.

von Benjamin Kaiser

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