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Grotesker Witz und beißende Kritik

Theater-AG des Gymnasiums Philippinum Grotesker Witz und beißende Kritik

Wie viel Selbstmord braucht die Gesellschaft? Dieser Frage ging der russische Dramatiker Nikolai Erdmann Anfang der 1930er in seiner Satire „Der Selbstmörder“ auf den Grund.

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Der vermeintlich tote Semjon Podsekainikows (Edip Yüzgülen) wird am Ende im Grünen von all ­Jenen verabschiedet, die von seinem Selbstmord profitieren wollen.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. „Lieber dahinscheiden im Angesicht der Leberwurst, denn ich weiß ja, wie du sie mir auf‘s Brot schmierst!“ Mit diesem Satz wehrt sich Semjon Semjonowitsch Podsekainikow (Edip Yüzgülen) gegen das seiner Ansicht nach passiv-aggressive Angebot seiner Ehefrau Maria (Marina Herold), ihn zu verköstigen, wähnt er doch hinter allem Handeln und Reden seiner Frau nichts als Verachtung für ihn, den finanziell abhängigen Arbeitslosen.

Zeilen voller Witz, Ironie aber auch oft beißender Gesellschaftskritik brachte der in Moskau geborene Nikolai Erdmann zu Papier, dessen Stück „Der Selbstmörder“ am Montag und Mittwoch von der Theater-AG des Gymnasiums Philippinum unter Leitung von Eckart Dähnert im Kultidrom der Schule aufgeführt wurde.

Die Zuschauer sahen begeistert zu, wie der ewig unglückliche Semjon zunächst versucht, als Tubaspieler an etwas Geld zu kommen und wie er nach dem Scheitern dieses Plans als letzten Ausweg zur Pistole greift, mit der er sein Leben beenden will.

Regisseur: Viele Aspetke heute noch aktuell

Was folgt ist eine so skurrile wie bösartig treffende Darstellung der Gesellschaft, wie sie Erdmann in den frühen Jahren des Sowjet-Kommunismus erlebte. Nachdem mehrere Personen von den verzweifelten Plänen Semjons erfahren, wollen sie den Selbstmord kaltblütig für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren. Vor allem Aristarch Grand-Skubik (Nanook Sendrowski), will den angehenden Toten für die russische Oberschicht gewinnen: „Mehr denn je brauchen wir ideologische Leichen!“

Regisseur und AG-Leiter Eckart Dähnert meinte dazu: „Wir haben das Originalstück genommen und es nur leicht an die moderne Zeit angepasst, natürlich gibt es die Sowjetunion nicht mehr, aber viele Kritikpunkte Erdmanns, dessen Stück jahrelang vom Polit-Komitee verboten wurden, sind heute noch aktuell.“ In der Tat reagierten die meisten Zuschauer auf den Satz „es gibt so viele Stellen (Jobs) in unserem Land, dass die Beziehungen gar nicht mehr ausreichen,“ mit trockenem Lachen.

Am Ende landet der zusehends gefragtere selbstständige Selbstmörder tatsächlich in einem mit diversen Werbeaufdrucken verzierten Sarg, der in den (Schul-)Garten getragen wurde, wo das Stück sein Ende fand. Natürlich ist er nicht tot – so sehr lässt er sich dann doch nicht von den Karren anderer Interessen spannen.

Mit rund 90 Minuten war es eine durchaus lange, aber durchgehend unterhaltsame Aufführung auf hohem schauspielerischen Niveau, was sicher viel Hingabe von den Schülerinnen und Schülern einforderte. „In unserer Theater-AG braucht es schon Zeit. Ab den Herbstferien steht das Stück fest und dann wird regelmäßig geprobt, mit einer intensiveren Phase ab den Osterferien. Da wir nur Oberstufenschüler in der AG haben, kommt für einige ja auch noch das Abitur in dieser Zeit dazu“, betont Dähnert das Engagement seiner jungen Darsteller.

von Marcus Hergenhan

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