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Großes romantisches Gefühlskino

Homero Francesch spielte im Audimax Großes romantisches Gefühlskino

Der in der Schweiz lebende Pianist aus Uruguay ließ am Sonntag im Audimax vor 500 Zuhörern das Klavier singen und zum Orchester werden.

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Homero Francesch spielte im Audimax Klavier-Meisterwerke von Robert Schumann und Johannes Brahms.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. In den „Symphonischen Etüden“ von Robert Schumann wird das orchestrale Klangbild bereits im Titel angedeutet. Ursprünglich hat der 24-jährige Komponist sein 1834 entstandenes Opus 13 sogar als „Etüden im Orchestercharakter“ bezeichnet.

Homero Francesch, der vor zwei Jahren das Publikum des Konzertvereins mit Klavierkonzerten von Prokofjew und de Falla begeistert hatte, arbeitete sogleich im vollgriffig vorgestellten eingängig-einprägsamen Thema farbenreich die Mittelstimmen heraus, bei denen Schumann an diverse Orchesterinstrumente gedacht haben dürfte.

In den folgenden zwölf Etüden und den darin eingewobenen fünf Stücken aus Schumanns Nachlass wahrte der 69-jährige Pianist glänzend die Balance zwischen romantischem Überschwang und analytischer Klarheit, die Schumanns einzigartige Variationskunst in allen Facetten offenlegte.

Und auch in virtuoser Hinsicht ließ Francesch keinen Wunsch übrig – zum Beispiel, wenn Schumann Niccolo Paganinis Geigen-Bravour aufs Klavier überträgt wie in der dritten Etüde oder in der spukhaft vorüberhuschenden, an Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“-Geniestreich erinnernden neunten Etüde.

Im Finale kehrt die Zuversicht zurück

Eindringlich auf dem Klavier zu singen – Francesch gelang dies beispielhaft im betörenden Liebesduett der vorletzten Etüde, aber auch im hymnisch-mitreißenden Finale, das eine ohrwurmartige Romanze aus Heinrich Marschners Oper „Templer und Jüdin“ zitiert.

Menschliche Stimmen instrumental zum Klingen bringen: Diese hohe Kunst verlangt auch der 20-jährige Johannes Brahms in seiner 1853 komponierten gewaltigen f-Moll-Sonate opus 5, die laut Schumann eine „verschleierte Symphonie“ ist. „Ein Orchester von wehklagenden und laut jubelnden Stimmen“ erklinge dort. Francesch formte dies auf dem Klavier zum großen romantischen Gefühlskino, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Herzstück und Keimzelle des Ganzen ist der zweite der fünf Sätze: ein verzaubernder nächtlicher Liebesgesang, in dem Brahms Schumanns einzigartiger Liedkunst die Reverenz erweist. Die zweite schwärmerische Kantilene hallt nach in Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, im „Fliedermonolog“ des Hans Sachs.

Doch Erfüllung finden die imaginären Darsteller dieses Liebesdramas nicht, wie das anschließende verstörende Scherzo und das „Rückblick“ haltende Intermezzo in Form eines Trauermarsches zeigen. Für den männlichen Protagonisten (Brahms) kehrt im Finale jedoch die Zuversicht zurück – Francesch betonte dies mit kraftvoller Energie und leuchtendem Jubelton.

Die „Bravo“ rufenden 500 Zuhörer holten den Pianisten so lange auf die Bühne zurück, bis er ihnen noch zwei fein ausgeleuchtete impressionistische Stücke von Claude Debussy schenkte.

von Michael Arndt

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