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Großer Wurf zum Ende der Spielzeit

Stadttheater Gießen: „Kronos & Kairos“ Großer Wurf zum Ende der Spielzeit

Es steht zwar noch einiges auf dem Spielplan, doch so langsam nähert sich die Saison 2015/16 der Zielgeraden. Da gelingt dem Stadttheater der ganz große Wurf. Die Rede ist von „Kronos & Kairos. 
Das Maß der Zeit oder die Gunst der Gelegenheit“.

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Die Zuschauer sind von allen Seiten von Musikern und Sängern umgeben.

Quelle: Rolf K. Wegst

Gießen. Das Musiktheaterprojekt mit Werken von Andrea und Giovanni Gabrieli, Michael Praetorius, Heinrich Schütz sowie Richard van Schoor und Sergej Maingardt wurde inszeniert von „Auftrag: Lorey“ mit Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag.

Gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Michael Hof­stetter ist in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst im Rahmen der Hessischen Theaterakademie ein großartiger Musiktheaterabend gelungen. Er setzt Maßstäbe.

Für einen Premierenabend war es im Großen Haus bemerkenswert still. Denn statt der rund 600 Gäste, die hier unter normalen Umständen unterwegs sind, bietet „Kronos & Kairos“ nur Platz für 150 Zuschauer. Das hat einen Grund: das Regieteam setzt die Besucher mitten ins Bühnenhaus mit Blick auf den Zuschauerraum.

Atemberaubendes Musikerlebnis

Leises Stimmengemurmel liegt über der Szenerie, in der das Publikum ringsum von Musikern und Sängern auf mehreren Stockwerken umgeben ist. Für einen Moment taucht Generalmusikdirektor Hofstetter vor den Gästen auf und hebt den Taktstock – dann wird es dunkel, der Vorhang schließt sich. Kurz bleibt es finster.

Stimmen wispern in der Schwärze, bis dämmeriges Licht das Bühnenhaus erleuchtet und den Blick auf die teils bis in vielen Metern Höhe stehenden Musiker und Sänger sowie den phasenweise unter den Zuschauern dirigierenden Generalmusik­direktor freigibt.

Was nun kommt ist atem­beraubend. Mit dem gesamten musikalischen Ensemble bietet Hofstetter ein urgewaltiges Musikerlebnis, das natürlich in erster Linie dank der exzellenten Fähigkeiten aller Beteiligten besticht: Alle Solisten, der Chor und das Heer der Instrumentalisten zeigen exquisite Leistungen.

Psalmenvertonungen und Totenklagen, die von Klanginstallationen durchzogen sind, erfüllen in den Theaterraum, der zum Musikerlebnis beiträgt. Durch die Verteilung der Musiker auf der ganzen Fläche bis in die obersten Stockwerke entsteht eine betörende Intensität.

Roman Kurtz überzeugt

Selbstzweck ist sie allerdings nicht, denn Lorey und Auftrag nutzen diese Intensität, um menschliche Kleinheit im Sinne von Vergänglichkeit im Laufe der Zeit erfahrbar zu machen. Das gelingt famos: Ganz im Sinne der vorwiegend geistlichen Musik fühlt sich der Zuschauer winzig in der Anordnung des Raumes und der Wucht der Klänge, die ihn tatsächlich zur Randfigur machen.

Anteil am Gelingen dieses Ansatzes hat auch Schauspieler Roman Kurtz. In der obersten Loge und damit in größtmöglicher Entfernung zum Publikum liest er souverän einen Text von Jules Buchholtz, der über die normalen Sitzreihen hinweg zu den Zuhörern schallt. Auftrag, Lorey, Hofstetter und Bühnenbildner Lukas Noll haben eine Inszenierung geschaffen, die die tieferen Gehalte der dargebotenen Musik hör- und fühlbar machen.

Das ist Bühnenkunst auf ganz hohem Niveau, mit dem das Stadttheater nach dem Tanzabend „Penelope wartet“ zum zweiten Mal in der laufenden Spielzeit deutlich macht, über welch großes Innovationspotenzial es verfügt.

  • Weitere Aufführungen am 29. Mai, 9. Juni und 3. Juli jeweils um 19 und 21 Uhr im Großen Haus. Weitere Informationen im Internet unter www.stadttheater-giessen.de.

von Stephan Scholz

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