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Große Musik und große Emotionen

Waggonhalle: Jimmy Kelly mit Band Große Musik und große Emotionen

Als Teil der „Kelly Family“, deren Alben sich millionenfach verkauften, war Jimmy Kelly in den 80er- und 90er-Jahren ein Idol. Am Donnerstag spielte 
er mit Straßenmusikern 
in der Waggonhalle.

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Jimmy Kelly gastierte mit seiner Band im Rahmen seiner „Streetkid“-Tour in der ­Marburger Waggonhalle.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Es heißt: Wer viel reist, der hat viel zu erzählen. Wer dazu noch eine große Familie und internationalen Ruhm im Musikgeschäft erlangt hat, verfügt demnach über einen schier unerschöpflichen Quell an Erfahrungen und Geschichten. Jimmy Kelly ist ein Mann, auf den alle diese Voraussetzungen zutreffen. In der Waggonhalle zeigt er sich nahbar, plaudert aus dem Nähkästchen und präsentiert an diesem Abend ­eine Mixtur aus Konzert und erzählter Autobiografie.

In seinen Erzählungen thront über allem der Schatten des Familienoberhaupts Daniel Kelly, den die Familie 2002 zu Grabe trug. „Ich war vielleicht derjenige, der sich mit meinem Vater am meisten gerieben hat“, sagt Jimmy Kelly und schluckt. Die Liebe für den längst verblichenen Vater steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er widmet ihm den kraftvollen Song „Dance“, bei dem Geigenmusik Kellys fulminante Akustikgitarrensounds ergänzen. „Mein Papi ist in Deutschland gestorben, aber wir haben ihn in Irland beerdigt“, erzählt Kelly am Ende des Songs.

Reunion der „Kelly Family“ im Gespräch

Der 46-Jährige, der sich als „Streetkid“ bezeichnet, berichtet jedoch nicht nur von Liebe und Trauer, sondern auch von den Familienzwisten, nachdem der Patriarch tot war. „Plötzlich wurde über Geld geredet. Das war vorher nie ein Thema. Jeder wollte in eine andere Richtung – privat und musikalisch“, berichtet Kelly.

Seit dem Tod des Vaters trat die Familie nicht mehr in ihrer ursprünglichen Formation auf. Doch eine Reunion der Familie ist laut Jimmy Kelly im Gespräch. Seine Erzählungen lassen deutlich erkennen, dass sein Vater der Kitt war, der die Großfamilie mit zwölf Kindern zusammenhielt. Wenn Jimmy Kelly von seinem Leben und seiner ungewöhnlichen Familie erzählt, ist es in der Waggonhalle so still, dass eine fallende Nadel die Ruhe gestört hätte.

Seine Kindheit und Jugend verbrachte Jimmy Kelly stets auf Achse. Die „Kelly Family“, angetrieben vom ruhelosen Vater, startete in den 1970er-Jahren als Straßenmusiker und entwickelte sich zu einer Band, die in Stadien vor zehntausenden Fans auftrat. Großer internationaler Erfolg wurde ihr in den 1990ern zuteil: Als fahrendes Volk lebten sie zunächst in Tourbussen, später in einem Schloss nahe Köln – zwei Welten, eine Familie. Mehr als 20 Millionen Tonträger verkaufte die Band.

Klos im Hals bei „Santa Maria“

Doch von den Millionen Euros ist bei Jimmy Kelly nichts zu sehen. Er wirkt wie der Mann von nebenan, verdiente sein Geld mitunter wieder als Straßenmusiker. „Back to the roots“, wie der 46-Jährige sagt – also zurück zu den Wurzeln. Das „Gold“ liege auf der Straße.
In Aachen lernte er die Musiker kennen, die nun seine neue „Musikfamilie“ sind. Der Sound mit Fiedel, Kontrabass und Akkordeon ist stark und zum Großteil dem irischen Folk zuzuordnen. Es geht zünftig zu.

Doch die ausgelassene Stimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Andächtigkeit und Melancholie der beste Katalysator für Jimmy Kellys Musik ist. So treibt das Highlight des Abends einigen Zuschauern den Klos in den Hals: „Santa Maria“ aus dem Jahr 1994. Es ist ein Gebet an die Mutter Jesu, auf dass sie alles schützen möge, was den Menschen lieb und teuer ist. Jimmy Kelly singt diesen bittenden Text besser als sein Bruder John, der das Lied geschrieben hat. Seine Stimme ähnelt hier dem US-amerikanischen Folksänger John Denver. Das ist sicher nichts, wofür sich Jimmy Kelly schämen würde. Große Musik bedarf großer Emotionen.

von Benjamin Kaiser

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