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Grimmiger Humor und Resignation

Jiri Vodicka und Neue Philharmonie Westfalen Grimmiger Humor und Resignation

Als Glücksfall erwies sich die Verpflichtung des tschechischen Geigers Jiri Vodicka, der anstelle des Russen Sergey Dogadin Dmitri Schostakowitschs erstes Violinkonzert 
spielte.

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Der tschechische Geiger Jiri Vodicka sprang am Sonntag beim Konzertverein kurzfristig ein und ­begeisterte das Publikum mit seiner Schostakowitsch-Interpretation.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der 27 Jahre alte Ausnahmegeiger Sergey Dogadin war zuletzt vor gut zwei Jahren in Marburg zu Gast und hatte gemeinsam mit seinem Klavierpartner Nikolai Tokarev das Publikum begeistert. Eigentlich sollte er am Sonntag im Audimax Dmitri Schostakowitschs a-Moll-Violinkonzert spielen. Doch er sagte ab – ein Auftritt am Montagabend in Miami/USA ging vor. An seiner Stelle erklärte sich Jiri Vodicka, im selben Jahr wie Dogadin geboren, bereit, das 1955 vom großen David Oistrach uraufgeführte Werk extra für den Konzertverein einzustudieren.

Die knapp 600 Zuhörer erlebten also eine Premiere, mit der Vodicka interpretatorisch an seine hinreißende Wiedergabe des Tschaikowsky-Konzertes am Ende der vergangenen Spielzeit anknüpfte. In den beiden langsamen Sätzen, die mehr als die Hälfte des fast 40 Minuten dauernden Schostakowitsch-Konzertes ausmachen, war sein verführerisch süßer, aber nie süßlicher Ton wieder ein Labsal.

Den wehmütig-melancholischen Charakter traf er dort genauso eindringlich, wie er in den beiden schnellen Sätzen den für Schostakowitsch charakteristischen grimmigen­ Humor aufspürte – dies alles verbunden mit einer sensationellen Mühelosigkeit in den mit technischen Schwierigkeiten nur so gespickten virtuosen Passagen. Kein Wunder also, dass nicht nur das Publikum in tosenden Applaus ausbrach, auch die Neue Philharmonie Westfalen und ihr Chefdirigent Rasmus Baumann feierten den Solisten, der sich dafür mit dem letzten und berühmtesten der 24 Paganini-Capricci bedankte – einfach atemberaubend.

Schon bald ist Vodicka beim Konzertverein wieder zu Gast, dann regulär: Am 24. April spielt er zum Saison-Finale gemeinsam mit den Smetana-Philharmoniker Prag Max Regers selten zu hörendes Violinkonzert.

Aufwühlendes Meisterwerk
 von Tschaikowsky

Die Neue Philharmonie Westfalen, das größte der drei nordrhein-westfälischen Landesorchester, ist auch das Opernorchester des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen. Und ihr Generalmusikdirektor Rasmus Baumann ist ein ausgewiesener Operndirigent. Beides spiegelte sich wider in der Wiedergabe von Peter Tschaikowskys sechster Sinfonie, für deren in Resignation und Trauer verklingenden Finalsatz es kein Vorbild gibt.

Wer dieses emotional aufwühlende Meisterwerk liebt, dem wurde deutlich wie schon lange nicht mehr bei einer Live-Aufführung: Tschaikowsky muss gewusst haben, dass die „Pathetique“ sein letztes Werk, sein „Requiem“ sein wird – immerhin starb er einige Tage nach der von ihm selbst dirigierten Uraufführung unter mysteriösen Umständen.

Baumann orientierte sich mit durchweg schnellen Tempi an den vorbildhaften Tschaikowsky-Interpretationen, die der bis heute bedeutendste russische Dirigent Jewgenij Mrawinskij in den 1960er-Jahren mit seinen Leningrader Philharmonikern auf Schallplatte eingespielt hat. Baumann und sein an allen Pulten glänzendes Orchester inszenierten die h-Moll-Sinfonie als packendes und zugleich ergreifendes Seelendrama einer hochsensiblen und verletzlichen Künstlerseele. Und scheuten dabei auch nicht die grellen Kontraste wie zum Beispiel im monumentalen Kopfsatz.

Ihm folgte ein sehnsuchtsvoller Walzer-Traum, in dem längst vergangene schöne Zeiten zurückkehrten. Und auch der leichtfüßig beginnende Scherzo-Marsch erinnerte an einen Traum, allerdings an einen fiebrigen, in den am Ende mit brutaler Gewalt die Gegenwart einbricht.

Ugorski sagt ab, 
Stadtfeld springt ein

Anatol Ugorski sollte am 20. März beim Marburger Konzertverein gemeinsam mit der Kammerphilharmonie Amadé Wolfgang Amadeus Mozarts „Jeunehomme“-Konzert spielen. Der weltweit gefeierte russische Pianist hat abgesagt. Dies teilte der Vorsitzende des Konzertvereins, Dr. Friedemann Nassauer, am Rande des Konzerts am Sonntagabend im Gespräch mit der OP mit.

Nassauer freut sich, dass Martin Stadtfeld für Ugorski einspringen wird. Der deutsche Star-Pianist kommt laut Nassauer gerne nach Marburg, wo er dem Publikum als Bach-Interpret in bester Erinnerung ist, aber auch für Schüler des Gymnasiums Philippinum spielte (die OP berichtete).

von Michael Arndt

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